{"id":1879,"date":"2012-07-18T22:01:09","date_gmt":"2012-07-18T20:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/nueckel.at\/blog\/?p=1879"},"modified":"2022-06-17T21:55:27","modified_gmt":"2022-06-17T21:55:27","slug":"mythen-twelve-monkeys","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/mythen-twelve-monkeys\/","title":{"rendered":"Twelve Monkeys"},"content":{"rendered":"<p><b>Mein Essay f\u00fcr die Vorlesung &#8222;Mythen&#8220; von Elke Mader im Sommersemester 2012.<!--more--><\/b><\/p>\n<p><b>&#8222;\u20265 BILLION PEOPLE WILL DIE FROM A DEADLY VIRUS IN 1997&#8230;<br \/>\n&#8230;THE SURVIVORS WILL ABANDON THE SURFACE OF THE PLANET&#8230;<br \/>\n&#8230;ONCE AGAIN THE ANIMALS WILL RULE THE WORLD&#8230; &#8222;<\/b><\/p>\n<p align=\"center\">&#8211; Excerpts from interview with clinically diagnosed paranoid schizophrenic,<br \/>\nApril 12, 1990 &#8211; Baltimore County Hospital.<\/p>\n<h1>Einleitung<\/h1>\n<p>Verr\u00fccktheit ist auf den ersten Blick ein Thema der Psychologie. Die Anthropologie besch\u00e4ftigt sich mit dem, was Au\u00dfenstehende erkennen k\u00f6nnen, nicht was in den K\u00f6pfen einzelner vor sich geht. Doch unser Verhalten baut auf unserer Wahrnehmung, unserem Denken und Glauben auf. Wir (re)agieren entsprechend unseren \u00c4ngsten und Sehns\u00fcchten. Wir erkl\u00e4ren uns die Welt und das Leben und benutzen unsere Erkenntnisse als Grundlage f\u00fcr unsere Entscheidungen.<\/p>\n<p>Solange diese Prozesse sich im Gro\u00dfen und Ganzen mit denen unserer Mitmenschen decken, werden wir auch nicht verhaltensauff\u00e4llig. Der gl\u00fcckliche Einsiedler mag ein tadelloses, friedliches, naturverbundenes, unabh\u00e4ngiges Leben f\u00fchren, doch es wird Menschen geben, die ihn gerade deswegen verr\u00fcckt nennen. Und hier findet sich der Ankn\u00fcpfungspunkt zur Anthropologie und im weiteren Sinn zur Mythologie: es geht um Zuschreibungen.<\/p>\n<p>Verr\u00fcckt sind immer die anderen.<\/p>\n<p>Ich definiere meine eigene Identit\u00e4t damit, wenn ich sage, was fremd ist. Das gleiche gilt f\u00fcr die Erkl\u00e4rung, was verr\u00fcckt ist. Eine Kultur und Gesellschaft definiert das, was von ihren Regeln abger\u00fcckt ist als verr\u00fcckt. (Oder kriminell.) Die deutsche Sprache liefert damit ein gutes Bild.<\/p>\n<p>Wohingegen der umgangsprachliche Begriff des \u201eGest\u00f6rten\u201c eigentlich unkorrekt ist: schlie\u00dflich sind es die anderen, die gest\u00f6rt werden. Als Schuldzuweisung und Abwertung wiederum ein sprechendes Bild der Machtverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Twelve Monkeys ist zun\u00e4chst einmal ein Science Fiction &#8211; Film: Die Menschen im Jahre 2035 leben auf ein Prozent der fr\u00fcheren Anzahl dezimiert unter der Erde, weil ein f\u00fcr den Menschen t\u00f6dlicher Virus das Leben auf der Erdoberfl\u00e4che unm\u00f6glich macht. Der Gefangene James Cole wird in die Vergangenheit geschickt, um die Menschheit zu retten. Aus der Zukunft kommend wei\u00df er Dinge, die f\u00fcr die Zeitgenossen vierzig Jahre zuvor unglaublich klingen. Sein Verhalten und seine Aussagen k\u00f6nnen von Polizei und Psychiatern in den 1990er Jahren nur so interpretiert werden, dass sie ihn f\u00fcr verr\u00fcckt halten. So erleidet er das gleiche Schicksal wie Kassandra, die Gestalt der griechischen Mythologie. Trotz seines Wissens kann er seinem Schicksal nicht entrinnen.<\/p>\n<p>Der Regisseur des Film ist Terry Gilliam. Er wurde in den 1970er Jahren mit seinen Arbeiten mit Monty Python bekannt. Bereits 1981 drehte er einen Film, der sich mit Zeitreisen besch\u00e4ftigt: \u201eTime Bandits\u201c. 1995 kam \u201eTwelve Monkeys\u201c in die Kinos, die Hauptdarsteller sind Bruce Willis, Madeleine Stowe und Brad Pitt.<\/p>\n<p>In meiner Analyse werde ich die folgenden Aspekte behandeln:<\/p>\n<ul>\n<li>Macht: wer bestimmt, was verr\u00fcckt ist?<\/li>\n<li>Umwelteinfl\u00fcsse: was macht verr\u00fcckt?<\/li>\n<li>Die Figur des Verr\u00fcckten: wie haben sich Verr\u00fcckte zu verhalten?<\/li>\n<li>Der positive Wert: wof\u00fcr m\u00fcssen Verr\u00fcckte herhalten?<\/li>\n<li>Das Religi\u00f6se: wie verr\u00fcckt sind Erl\u00f6ser?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Mythos der Verr\u00fccktheit\/des Verr\u00fcckten wird in Twelve Monkeys in klaren Bildern und Dialogen dargelegt. Der Film verwendet bekannte und allgemein verst\u00e4ndliche Symbole und gibt uns Beispiele zur Erkl\u00e4rung von Ph\u00e4nomenen. In diesem Sinne halte ich diesen Film f\u00fcr hervorragend geeignet zur mythologischen Analyse.<\/p>\n<h1>Die Handlung des Films<\/h1>\n<p>James Cole lebt 2035 als Gefangener in einem K\u00e4fig unter der Erde, wie alle Menschen zu dieser Zeit. Ein Virus hatte 1996 die Menschen gezwungen, die Erdoberfl\u00e4che zu verlassen. Milliarden Menschen waren gestorben. F\u00fcr Tiere war der Virus ungef\u00e4hrlich: sie leben weiterhin.<\/p>\n<p>Die Wissenschaftler konnten eine Zeitreisemaschine entwickeln und wollen nun den urspr\u00fcnglichen Virus aus der Vergangenheit holen, um ein passendes Gegenmittel kreieren zu k\u00f6nnen. Cole wird eine Begnadigung versprochen, wenn er als \u201eFreiwilliger\u201c diese Aufgabe erledigt. Die Maschine ist jedoch fehleranf\u00e4llig und Cole landet zun\u00e4chst im Jahr 1990. Er landet in einer psychiatrischen Anstalt und lernt dort die Psychiaterin Dr. Kathryn Railly und den Insassen Jeffrey Goines kennen. Goines ist verhaltensauff\u00e4llig, hat aber auch \u00fcberraschend kluge Einsichten. In den Gespr\u00e4chen zwischen ihm und dem mit Drogen behandelten Cole entsteht die Idee der \u201eArmy of the Twelve Monkeys\u201c, mehr oder minder zuf\u00e4llig inspiriert durch zwei im Hintergrund laufende Fernsehsendungen: ein Bericht \u00fcber Tierversuche und \u201eMonkey Business\u201c der Marx Brothers.<\/p>\n<p>Cole verschwindet f\u00fcr die \u00c4rzte unerkl\u00e4rlicherweise aus der Anstalt, als er wieder in die Zukunft zur\u00fcckgeholt wird. Nach dieser ersten erfolglosen Mission erh\u00e4lt er von den Wissenschaftlern Informationen \u00fcber die omin\u00f6sen Twelve Monkeys und tritt die n\u00e4chste Reise an. Er landet kurz in einem franz\u00f6sischen Sch\u00fctzengraben des ersten Weltkriegs, wo er sich eine Kugel im Bein einf\u00e4ngt, und dann in Baltimore im Jahr 1996. Cole ist klar, dass er alleine nicht weiter kommt: er hat kein Geld, kann nicht Auto fahren. Sechs Jahre zuvor hat ihm Dr. Railly ihre Hilfe angeboten, jetzt zwingt er sie, ihn nach Philadelphia zu begleiten.<\/p>\n<p>Cole und Railly kommen sich n\u00e4her. Raillys wissenschaftliches Thema ist \u201eMadness and Apocalyptic Visions\u201c und langsam kommt sie zur \u00dcberzeugung, dass Coles Geschichte wahr ist. Ein Beweis daf\u00fcr ist die Armee-Kugel aus dem Jahr 1917, die sie ihm aus dem Oberschenkel entfernt. Cole aber verliert das Interesse an seiner Mission und m\u00f6chte im Jahr 1996 verweilen: er liebt die frische Luft, Musik und Railly.<\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass Goines\u2018 Armee der Twelve Monkeys nichts mit dem Virus zu tun hat. Er will bloss die Tiere befreien, die sein Vater als Virologe in Versuchslabors h\u00e4lt. In diesem Labor arbeitet aber der wirkliche T\u00e4ter Dr. Peters, der den Virus entwenden kann und sich auf den Weg macht, ihn weltweit zu verbreiten.<\/p>\n<p>Cole und Railly wollen dem Schicksal entfliehen und ans Meer fliegen. Er hat die finale Szene am Flughafen bereits als Kind und sp\u00e4ter immer und immer wieder in seinen Tr\u00e4umen gesehen: er will den T\u00e4ter erschie\u00dfen, wird aber selbst von Sicherheitskr\u00e4ften getroffen. Railly l\u00e4uft zu ihm und kniet bei ihm, w\u00e4hrend er stirbt. Sie kennt Coles Erz\u00e4hlung und blickt suchend umher. Sie entdeckt Cole als achtj\u00e4hrigen Jungen in der N\u00e4he und l\u00e4chelt ihn an.<\/p>\n<p>Doch Coles Mission war nicht umsonst: in der allerletzten Szene sitzen eine Wissenschaftlerin aus der Zukunft und Dr. Peters nebeneinander im Flugzeug.<\/p>\n<h1>Analyse<\/h1>\n<h2>\u201eThere&#8217;s no right, there&#8217;s no wrong,<br \/>\nthere&#8217;s only popular opinion.\u201c (Jeffrey Goines)<\/h2>\n<p align=\"center\">Oder: Wer sagt, was verr\u00fcckt ist?<\/p>\n<p>Coles erste Zeitreise bringt ihn gleich wieder in eine Zelle. Er wurde von der Polizei aufgegriffen: er wu\u00dfte das aktuelle Datum nicht und konnte keine \u201eID\u201c vorweisen. W\u00e4re er weitere hundert oder zweihundert Jahre in die Vergangenheit gereist, h\u00e4tten ihn diese zwei Fakten wohl in keine Schwierigkeiten gebracht. In den USA 1990 ist es offensichtlich die Norm, dass man immer orientiert ist und sich ausweisen kann. Wer von dieser Regel ab<b>r\u00fcckt<\/b> (und sich k\u00f6rperlich gegen eine polizeiliche Festnahme wehrt), gilt als ver<b>r\u00fcckt<\/b>.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, ob jemand verr\u00fcckt oder kriminell ist, ist immer ein Ausdruck von Macht bzw. Entmachtung. Die Linie zwischen normal und abnorm, gut und schlecht, harmlos und gef\u00e4hrlich wird st\u00e4ndig \u2013 mit jedem richterlichen Spruch und jeder \u00e4rztlichen Einweisung neu gezogen. Damit eine Regel aufrecht bleiben kann, muss sie st\u00e4ndig eingehalten werden. (vgl. Malinowski 2005: S.170).<\/p>\n<h2>\u00a0\u201eI hate those things. They mess my head up.\u201c (Dr. Railly)<\/h2>\n<p align=\"center\">Oder: Was macht verr\u00fcckt?<\/p>\n<p>Cole lebt als Gefangener des Jahres 2035 in einem K\u00e4fig und blickt auch als Insasse der psychiatrischen Anstalt durch Fenstergitter ins Freie. Wie kann ein Mensch psychisch gesund werden, wenn er st\u00e4ndig eingesperrt ist? Diese Enge wird im gesamten Film immer wieder gezeigt.<\/p>\n<p>In der Zukunft ist die Luft auf der Erdoberfl\u00e4che t\u00f6dlich. In der ersten Szene wird Cole nach oben geschickt, um zu Forschungszwecken Tiere einzufangen und nach unten zu bringen. Er tr\u00e4gt dabei einen Schutzanzug. Bei seinen Reisen in die Vergangenheit ist die frische Luft ein wiederkehrendes Thema. Er streckt seinen Kopf aus dem fahrenden Auto und jauchzt. Das abgeschottete Leben unter der Erde w\u00fcrde jeden von uns auf Dauer wahnsinnig machen. Die frische Luft als Symbol f\u00fcr N\u00e4he zur Natur und Lebensfreude ist einfach und direkt.<\/p>\n<p>Die Psychiaterin selbst mag keine Beruhigungsmittel nehmen \u2013 sie wei\u00df, welche Wirkung sie haben. Cole bekommt bei seinem Aufenthalt in der Anstalt Medikamente, sie machen ihn tr\u00e4ge und tr\u00fcben seine Wahrnehmung und sein Erinnerungsverm\u00f6gen. Die Sinnhaftigkeit von medikament\u00f6ser Behandlung wird in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Aber auch dass Patienten wie Kinder behandelt werden, von oben herab, l\u00e4sst nachf\u00fchlen, dass damit aggressive Reaktionen ausgel\u00f6st werden k\u00f6nnen. In der Anstalt sind Brettspiele hinter Gittern, sie m\u00fcssen in Sicherheit gebracht werden. Und tats\u00e4chlich: Goines wirft sie umher.<\/p>\n<p>Wenn die Realit\u00e4t unertr\u00e4glich oder unverst\u00e4ndlich ist, sucht sich der Mensch eigene Erkl\u00e4rungen. Goines bastelt sich kreative Erkl\u00e4rungen (Verr\u00fcckte d\u00fcrfen nicht nach drau\u00dfen telefonieren, weil sie die Gesunden drau\u00dfen mit ihrer Verr\u00fccktheit anstecken w\u00fcrden.), die eine \u00fcberraschend stringente Logik aufweisen.<\/p>\n<p>Lebensumst\u00e4nde bringen Menschen also soweit, dass sie verr\u00fcckte und manchmal sogar furchtbare Dinge tun. Aber sogar hinter der schrecklichsten Tat im Film, die Verbreitung des t\u00f6dlichen Virus, steckt ein Urteil \u00fcber Verr\u00fccktheit. Dr. Peters z\u00e4hlt negative Ausw\u00fcchse der menschlichen Rasse auf (\u201eproliferation of atomic devices, uncontrolled breeding habits, the rape of the environment, the pollution of land, sea, and air\u201c) und betrachtet \u201eThe Homo Sapiens Model \u201aLet\u2019s go shopping\u2018 als \u201ecry of the true lunatic\u201c.<\/p>\n<h2>\u201eI am a mental patient. I am supposed to act like that.\u201c (Jeffrey Goines)<\/h2>\n<p align=\"center\">Oder: Wie haben sich Verr\u00fcckte zu verhalten?<\/p>\n<p>Cole erscheint in seinem Verhalten oft schlichtweg fehl am Platz. Wie ein Reisender in einer fremden Kultur muss er sich zur\u00fccknehmen, \u00fcberlegen, wie er sich verst\u00e4ndlich machen kann (um eben nicht verr\u00fcckt zu erscheinen). Wir wissen, dass sein Verhalten aus seiner Sicht vollkommen verst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n<p>Goines hingegen liefert ein widerspr\u00fcchliches Bild. In seiner ersten Szene \u00fcberrascht er mit der klugen Bemerkung, dass es doch eigentlich die Aufgabe des W\u00e4rters w\u00e4re, dem Neuen (Cole) die Regeln im Aufenthaltsraum zu erkl\u00e4ren. Als er aber die \u201eDeLuxe\u201c-F\u00fchrung f\u00fcr Cole beginnt, nachdem der W\u00e4rter ihm daf\u00fcr 5000 Dollar verspricht, sp\u00fcren wir, Goines ist zurecht dort: sein Realit\u00e4tssinn ist eingeschr\u00e4nkt. Goines wei\u00df im Prinzip, wie er sich verhalten muss, aber manchmal scheint er einfach Spa\u00df daran zu haben, sich nicht an die Regeln zu halten. 1996 sitzt er unauff\u00e4llig unter den G\u00e4sten im Hause seines Vaters und irritiert erst, als er beim Aufstehen seine Schuhe in die Hand nimmt und auf den Socken den Raum verl\u00e4sst. \u00a0Letztendlich entspricht er aber mit seinen seltsamen Handgesten und Blicken dem Bild eines Verr\u00fcckten.<\/p>\n<p>Ein Psychiater der Anstalt zeigt in einer Szene eine befremdliche Angewohnheit: bei ge\u00f6ffneten Mund klopft er 18-mal mit seiner Zunge gegen die gespannte Unterlippe. Bei seinen Patienten w\u00fcrde das vermutlich negativ interpretiert werden. Als Doktor in wei\u00dfem Kittel geniesst man mehr h\u00f6here Toleranz.<\/p>\n<h2>\u201e(\u2026) the agony of foreknowledge combined with the impotence<br \/>\nto do anything about it\u201c (Dr. Kathryn Railly)<\/h2>\n<p align=\"center\">Oder: Wof\u00fcr m\u00fcssen Verr\u00fcckte herhalten?<\/p>\n<p>Railly h\u00e4lt einen Vortrag \u00fcber ihr Buch \u201eMadness and Apocalyptic Visions\u201c und erz\u00e4hlt vom Schicksal Kassandras: Sie hatte die F\u00e4higkeit, in die Zukunft zu sehen und war verdammt, weil ihr niemand Glauben schenkte. Auch Cole kennt als Zeitreisender die Zukunft und er w\u00fcnscht sich sp\u00e4ter, dass er dieses Wissen vergessen w\u00fcrde und sehnt sich nach Ungewissheit.<\/p>\n<p>In jeder Kultur gibt es Dinge, die man besser nicht ausspricht. Worte haben magische Bedeutung. Unglaubliche Dinge anzuk\u00fcndigen, kann f\u00fcr die aktuelle Struktur einer Gesellschaft gef\u00e4hrlich sein, vor allem f\u00fcr die Inhaber von Macht.<\/p>\n<p>Andererseits brauchen Gesellschaften Raum f\u00fcr Konflikte und Ungerechtigkeiten. Die lange Tradition der Narren hat dort ihren Ursprung. Die Geschichten von Hofnarren und Schalken wie Till Eulenspiegel machen das Leben f\u00fcr die Untertanen leichter. Und im Fasching d\u00fcrfen alle machen, was sie wollen. Zumindest einmal im Jahr ist es offiziell gestattet, s\u00e4mtliche Regeln zu brechen.<\/p>\n<h2>\u00a0\u201eThere he is. Please, stop him!\u201c (Dr. Kathryn Railly)<\/h2>\n<p align=\"center\">Oder: Wie verr\u00fcckt m\u00fcssen Erl\u00f6ser sein?<\/p>\n<p>Anormale werden seit jeher und \u00fcberall auch mit magischen und religi\u00f6sen Ideen in Zusammenhang gebracht (vgl. auch Malinowski 2005: S.99). Wenn sich Menschen kaum mit trivialen Themen besch\u00e4ftigen, wenn ihnen die sprichw\u00f6rtliche Bodenhaftung zu fehlen scheint, haftet ihnen sowohl etwas \u00dcbernat\u00fcrliches als auch Verr\u00fccktes an. Was auch immer die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Abneigung bzw. Ignoranz gegen\u00fcber dem allt\u00e4glichen Leben sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Es finden sich auch Parallelen zur christlichen Mythologie: nachdem der Mensch die Sch\u00f6pfung Gottes ver\u00e4ndert hat, indem er mittels Genmanipulation ein t\u00f6dliches Virus geschaffen hat, wird er aus dem Paradies vertrieben und muss unter der Erde dahinvegetieren. Ein Mann mit den Initialien J.C. (wie Jesus Christus) ist auserw\u00e4hlt. Er wird von den meisten Menschen seiner Umgebung f\u00fcr verr\u00fcckt gehalten. Christus vollbringt wundersame Taten und schart die J\u00fcnger um sich. Cole verbl\u00fcfft Railly mit einer 80 Jahre alten Kugel in seinem Bein und wei\u00df, wo sich ein vermisster Junge versteckt, bevor es in den Nachrichten gesagt wird. Sie folgt ihm danach treu und hilfsbereit. Zuletzt opfert sich freiwillig und bewusst, um Heilung f\u00fcr die Menschheit zu bringen.<\/p>\n<h1>Conclusio<\/h1>\n<p>Twelve Monkeys bietet eine Vielzahl an Interpretationen: wir k\u00f6nnen den Film als christlichen Mythos mit S\u00fcndenfall und Erl\u00f6sung betrachten, als Beispiel f\u00fcr Fatalismus und die Unm\u00f6glichkeit, selbst mit der Technologie von Zeitreisen seinem Schicksal entrinnen zu k\u00f6nnen, als moderne Version der griechischen Erz\u00e4hlung von Kassandra, als cineastische Mahnung vor den Gefahren von Biotechnologie, oder einfach als eine weitere ungl\u00fcckliche Liebesgeschichte.<\/p>\n<p>In dem Sinne, dass mythmaker \u201ebestimmte Erz\u00e4hlweisen und Interpretationen in Umlauf\u201c bringen (Mader 2008: S.87), hat Terry Gilliam diese Chance hervorragend mit Twelve Monkeys genutzt. Er hat sowohl mehrere bekannte Mythen verwendet als auch mit spannendem Plot, reicher Bildsprache und origineller Ausstattung einen eigenen neuen Mythos geschaffen.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich anregen, den Film (noch) einmal anzusehen und sich dabei die Zeitreisen als reine Phantasie von James Cole vorzustellen: genialerweise funktioniert er auch dann.<\/p>\n<h1>Literatur- und Quellenverzeichnis<\/h1>\n<p>Gilliam, Terry (Regie): <i>Twelve Monkeys<\/i>. USA, 1995.<\/p>\n<p>L\u00e9vi-Strauss, Claude: <i>Mythos und Bedeutung<\/i>. Frankfurt am Main, 1980.<\/p>\n<p>Mader, Elke: <i>Anthropologie der Mythen<\/i>. Wien, 2008.<\/p>\n<p>Malinowski, Bronislaw: <i>Eine wissenschaftliche Theorie der Kultur<\/i>. Frankfurt am Main, 2005.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Essay f\u00fcr die Vorlesung &#8222;Mythen&#8220; von Elke Mader im Sommersemester 2012.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[84],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1879"}],"collection":[{"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1879"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1879\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6833,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1879\/revisions\/6833"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1879"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1879"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1879"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}