{"id":1973,"date":"2013-04-26T22:39:04","date_gmt":"2013-04-26T20:39:04","guid":{"rendered":"http:\/\/nueckel.at\/blog\/?p=1973"},"modified":"2022-06-17T21:55:19","modified_gmt":"2022-06-17T21:55:19","slug":"liebe-hass-angst-politik-und-okonomie-der-gefuhle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/liebe-hass-angst-politik-und-okonomie-der-gefuhle\/","title":{"rendered":"Liebe, Hass, Angst &#8211; Politik und \u00d6konomie der Gef\u00fchle"},"content":{"rendered":"<p>Mein Essay f\u00fcr das Proseminar von Mag. Dr. Herta N\u00f6bauer im Wintersemester 2012.<!--more--><\/p>\n<p>In der heutigen globalisierten Welt ziehen Handelswaren, Kapital, Informationen und Arbeitskr\u00e4fte schneller und einfacher umher als jemals zuvor. Die Kultur- und Sozialanthro\u00adpologie (KSA) besch\u00e4ftigt sich generell mit Ph\u00e4nomenen der Globalisierung und speziell seit dem Affective Turn, ca. 2000, mit der Frage, wie Gef\u00fchle dabei eine Rolle spielen.<br \/>\nDas westliche Denken war gewohnt, streng zwischen Vernunft und Gef\u00fchl zu trennen. Argumentation und Entscheidung sollten frei von Emotionen sein, sich an Fakten und Logik halten (vgl. Sva\u0161ek 2007: 368ff). Andererseits werden in Politik und Wirtschaft (Werbung!) zunehmend emotionale Argumente verwendet.<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p>Die KSA hat sich fr\u00fcher als andere Disziplinen mit nichtwestlichen Kulturen und Sozial\u00adstrukturen auseinandergesetzt und zeigt, dass Emotionen mehr als eine Privatangelegenheit sind und definitiv gesellschaftliche Bedeutung haben:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Emotionen beeinflussen unsere Wahrnehmung der Umwelt und unsere Entscheidungen.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Umgekehrt sind unsere Gef\u00fchle selbst abh\u00e4ngig vom Verhalten anderer Menschen \u2013 \u201eemotions often occur in social contexts\u201c (Sva\u0161ek 2007: 371).<br \/>\nEbenso ist die Bedeutung, die wir ihnen geben, von sozialen Normen abh\u00e4ngig. Die Globalisierung bringt zus\u00e4tzliche Ver\u00e4nderungen und Risiken und beeinflusst in weiterer Folge unser Gef\u00fchlsleben.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Emotionen produzieren Wirklichkeiten, soziale Einheiten und Identit\u00e4ten. Erfahrungs\u00adgem\u00e4\u00df haben Gef\u00fchle Energie, und die noch brisantere, dynamischere Auspr\u00e4gung als Affekt bef\u00e4higt Menschen, sogar \u201eglobal economic shifts through cultural labour\u201c (Richard 2009: 60) herbeizuf\u00fchren.<br \/>\nF\u00fcr Analiese Richard und Daromir Rudnyckyj ist die reflexive Eigenschaft von Affekt analytisch interessant, weil sie \u2013 wie Macht \u2013 sowohl auf Subjekt als auch Objekt wirkt (Richard 2009: 59).<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Aber nicht nur Ver\u00e4nderung, auch Kontinuit\u00e4t braucht Emotion(en). Machtstrukturen k\u00f6nnen selten mit vern\u00fcnftigen Gr\u00fcnden aufrecht erhalten werden. Daher werden andere Strategien verwendet: emotionsgeladen wird auf gemeinsame Werte und Geschichte der Gruppe hingewiesen und das Eigene als einzig wahre Norm dargestellt. Bei St\u00f6rungen dieser \u201enat\u00fcrlichen Harmonie\u201c durch Andere zeigt man sich als Opfer und legitimiert Hassgef\u00fchle als unvermeidlichen Schutzinstinkt: \u201eAt least not a hate motivated by ungrounded reasoning.\u201c (Aryan Nations Web site zitiert nach Ahmed 2004: 117).<br \/>\nHistorische Fakten und Chronologie werden umgeschrieben und umgedeutet. Sara Ahmed spricht von \u201ebackward movement of emotions\u201c, das Erwecken von historischen Assoziationen. Erg\u00e4nzend bezeichnet sie haftende Assoziationen von Zeichen, Figuren und Objekten als \u201esideway movement\u201c. (Ahmed 2004: 120)<\/p>\n<p>Neoliberale Politik und globale \u00d6konomie wirken auf die Emotionen von Individuen und sozialen Gruppen. Diese Emotionen wiederum bringen (neue) soziokulturelle Ph\u00e4nomene hervor, die politische und wirtschaftliche Relevanz besitzen. Das wissenschaftliche Problem liegt in der Herausforderung, geeignete Theorien und Forschungsmodelle zur Betrachtung dieses Geflechts zu w\u00e4hlen oder neu zu definieren und formulieren.<\/p>\n<p>Das kann ein altbew\u00e4hrtes Modell sein, das auf Ritual und Kinship basiert, wie es Analiese Richard f\u00fcr ihre empirische Studie in Mexiko verwendete (Richard 2009: 58), Methoden der Grounded Theory, um sich der Dynamik und Komplexit\u00e4t theoretisch anzun\u00e4hern, Narrative Interviews, um Raum f\u00fcr Unerwartetes zu haben, oder die analytische Aufteilung von Globalisierung in die drei Dimensionen Menschen, Ideen\/Praxis, Objekte\/Images, wie es Maru\u0161ka Sva\u0161ek und Zlatko Skrbi\u0161 in ihrem Artikel \u201ePassions and Powers: Emotions and Globalisation\u201c gemacht haben. Im Critical Reader \u201eCultures of Fear\u201c n\u00e4hert man sich von ethnografischem Material ausgehend den theoretischen Fragen.<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p>Die globalen Verflechtungen bringen uns nicht nur Bananen, Smartphones und T-Shirts zum Preis eines gut belegten Jausenweckerls, sondern auch das B\u00f6se bis an den Zaun unseres gepflegten Vorgartens. Soziale Probleme stehen mittlerweile verblasst auf der To-Do-Liste unserer PolitikerInnen, aber nicht auf der Agenda von imperialen Konzernen. Wir sind der Absatzmarkt f\u00fcr die Sicherheits-, \u00dcberwachungs- und Waffenindustrie, aber f\u00fchlen uns als Anschlagsziel von Terroristen und Auffangbecken von ungebildeten, kriminellen Asylanten.<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p>Grenzen sind notwendig f\u00fcr Identit\u00e4t und Kontinuit\u00e4t. Sie werden deutlich wahrgenommen, wenn sie \u00fcbertreten werden. Aber genau dann sind sie bereits in Gefahr und ihre Durchl\u00e4ssig\u00adkeit wird deutlich: \u201eCultures of fear rely on this performative capacity of borders\u201c (Linke 2009: 7). Es ist also m\u00f6glich, dass sich TerroristInnen im eigenen Land aufhalten, ohne dass wir sie erkennen k\u00f6nnen: \u201ethe bogeyman could be anywhere and anyone\u201c (Ahmed 2004: 123). Diese Unsicherheit erzeugt Angst.<\/p>\n<p>Die Fakten stehen in krassem Widerspruch zu einer offenen westlichen Grundhaltung, die auf den Menschenrechten aufbaut, weil sie zeigen, dass die Aufrechterhaltung unserer Grenzen auf Kosten von Menschenleben geht. Wir im Westen t\u00f6ten daf\u00fcr \u2013 nicht nur milit\u00e4risch systematisch an den Grenzen, sondern auch innerhalb. Zuhause ermorden hasserf\u00fcllte RassistInnen Asylsuchende und Menschen, die \u201efremdl\u00e4ndisch\u201c aussehen. \u201eHate Crimes\u201c sind extreme Erscheinungsformen. Vor allem aber erzeugt die Angstkultur latente Diskriminierung und die Duldung von unauff\u00e4lligem \u201ewar on terror\u201c mit \u00dcberwachung und abgeschirmten Camps. In diesem Sinne kann die Ablehnung von verh\u00fcllten Muslima auch als \u00dcberwachungsproblem gesehen werden.<\/p>\n<p>Menschen lassen sich von Angstpropaganda anstecken. Sie halten die Rechtfertigungen, Erkl\u00e4rungen und Assoziationsketten von manchen PolitikerInnen und Medien f\u00fcr wahr und g\u00fcltig und unausweichlich \u2013 auch wenn \u201estrategic emotional rhetoric may simplify or distort complex political realities\u201c (Sva\u0161ek 2007: 370). Doch manchmal formulieren PolitikerInnen die Absichten klar und deutlich: \u201eWe cannot let the terrorist achieve the objective of frightening our nation to the point where (\u2026) people don\u2019t shop.\u201c (George W. Bush in einer Pressekonferenz am 11.10.2001).<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p>Stete Angst erschwert vern\u00fcnftiges Denken. Wichtige Entscheidungen brauchen Zeit und Diskurs. Das sind zwei Themen, die heutzutage relevant sind und zu denen ich noch keine wissenschaftlichen Beitr\u00e4ge der KSA kenne.<br \/>\nWeiters m\u00f6chte ich recherchieren, welche Studien es zum Thema Missverst\u00e4ndnisse gibt. Die Annahme, dass dieses theoretisch anerkannte und aus pers\u00f6nlicher Erfahrung wohlbekannte Kommunikationsfaktum auf gesellschaftlicher und politischer Ebene bedeutungslos sei, ist wohl unrealistisch.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit Politik und \u00d6konomie von Gef\u00fchlen hat f\u00fcr mich also weitere Fragen aufgeworfen und im Besonderen mein Interesse geweckt, wie sie in den Bereichen Frieden, Nachhaltigkeit\/\u00d6kologie und alternative Lebensstile angewandt werden (k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich Methode m\u00f6chte ich Michel Foucault und Analiese Richard\/Daromir Rudnyckj folgen und den Fokus auf Prozesse legen: \u201e(the) way of doing things\u201c (Foucault 1979, zitiert nach Richard 2009: 60).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Literatur:<\/h1>\n<p>Ahmed, Sara (2004). Affective Economies. Social Text 79, Vol. 22, No. 2, pp. 117\u2013139.<\/p>\n<p>Linke, Uli and Smith, Danielle Taana (2009). Fear: A Conceptual Framework. In: Dies. (Eds.): Cultures of Fear. A Critical Reader. New York: Pluto Press, pp. 1\u201317.<\/p>\n<p>Richard, Analiese and Rudnyckyj, Daromir (2009). Economies of affect. Journal of the Royal Anthropological Institute (N.S.), Vol. 15, pp. 57\u201377.<\/p>\n<p>Sva\u0161ek, Maru\u0161ka and Skrbi\u0161, Zlatko (2007). Passions and Powers: Emotions and Globalisa\u00adtion. In: Identities: Global Studies in Culture and Power, Vol. 14, Issue 4, pp. 367\u2013383.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Essay f\u00fcr das Proseminar von Mag. Dr. Herta N\u00f6bauer im Wintersemester 2012.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[84],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1973"}],"collection":[{"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1973"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1973\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6832,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1973\/revisions\/6832"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}