{"id":4734,"date":"2014-10-10T11:30:47","date_gmt":"2014-10-10T09:30:47","guid":{"rendered":"http:\/\/nueckel.at\/blog\/?p=4734"},"modified":"2022-06-17T21:53:55","modified_gmt":"2022-06-17T21:53:55","slug":"multikulturelle-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nueckel.at\/blog\/multikulturelle-demokratie\/","title":{"rendered":"Multikulturelle Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Meine wissenschaftliche Arbeit \u00fcber &#8222;Kultur- und sozialanthropologische Beitr\u00e4ge zur politischen Theorie eines multikulturellen demokratischen Staates&#8220; verfasste ich im Sommersemester 2014 f\u00fcr das Proseminar Kultur- und Sozialanthropologisches Schreiben bei Mag. Igor Eberhard.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">~~~<\/p>\n<h3>Fragestellung und Aufbau der Arbeit<\/h3>\n<p>Im Zuge der Lekt\u00fcre zum Thema Multikulturalismus tauchten Fragen politischer Dimension wie zum Beispiel Staatsb\u00fcrgerschaft, B\u00fcrgerrecht, Minderheitenrecht, Staatenbildung, demo\u00adkratische Theorie und die Idee des kulturneutralen Staates auf. Es zeigte sich interessanter\u00adweise, dass sowohl Demokratie als auch Multikulturalismus Vertrauen, Diskurs, Partizipation, Commitment, soziale Koh\u00e4sion und gemeinsame Identit\u00e4t brauchen (vgl. Taylor, 145f). Daraus ergab sich die Fragestellung dieser Arbeit:<b> Welche sozial- und kulturanthropo\u00adlogischen Konzepte und Erkenntnisse des Multikulturalismus k\u00f6nnen f\u00fcr den polit-theoretischen Diskurs \u00fcber eine multikulturelle Demokratie herangezogen werden?<\/b><\/p>\n<p>Die Einleitung f\u00fchrt vom Schlagwort \u201eMultiKulti\u201c zur momentanen Situation in Europa. Es folgen vier Definitionen des Begriffs Multikulturalismus und drei Beschreibungen multi\u00adkultureller Staaten. Im Hauptteil der Arbeit werden die Konzepte \u201eCitizenship\u201c, \u201eKollektive Rechte\u201c, \u201eCommon Culture\u201c, \u201eSoziale Koh\u00e4sion\u201c und \u201eKultur und Demokratie als Prozess\u201c n\u00e4her ausgef\u00fchrt und deren demokratische Relevanz dargelegt. Philosophische und aktuelle Herausforderungen f\u00fcr demokratische Staaten werden ebenfalls kurz erw\u00e4hnt, bevor die Arbeit mit einer Conclusio abschlie\u00dft.<\/p>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<p>2010 erkl\u00e4rte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel den \u201e[\u2026] Ansatz zu sagen, jetzt machen wir hier mal Multikulti und leben so nebeneinander her und freuen uns \u00fcbereinander\u201c f\u00fcr \u201egescheitert\u201c (URL1).<\/p>\n<p>20 Jahre vor Merkels Rede ver\u00f6ffentlichte der Politikwissenschaftler Claus Leggewie das Buch \u201eMultiKulti. Spielregeln f\u00fcr die Vielv\u00f6lkerrepublik\u201c. Mag der Titel zwar salopp nach einem Album des Jazzmusikers Don Cherry benannt und im Untertitel von Spiel die Rede sein \u2013 vom Nebeneinander-her-Leben und Sich-\u00fcbereinander-Freuen ist im Buch nichts zu lesen. Leggewie schl\u00e4gt die Abschaffung des Ausl\u00e4ndergesetzes, erleichterte Einb\u00fcrgerung und \u00f6konomische F\u00f6rderung f\u00fcr MigrantInnen vor; er schreibt von Mehrfach-Staatsb\u00fcrger\u00adschaft, Kollektivrechten, Antirassismus als habitualisierte Selbstverst\u00e4ndlichkeit und davon, \u201e[\u2026] die Anregungen der auf Autonomie und Integration dr\u00e4ngenden sozialen Bewegungen und B\u00fcrgerrechtler konstitutionell aufzugreifen und sie \u00fcberall dort politisch zu st\u00fctzen, wo Markt und Selbsthilfe nicht ausreichen, um\u2013im Sinne Hannah Arendts\u2013aus sozialen Ungleichheiten nicht politische Diskriminierungen werden zu lassen.\u201c (Leggewie, 174)<\/p>\n<p>Die multikulturelle Gesellschaft in Europa ist eine unbestreitbare und unausweichliche Tat\u00adsache: die Globalisierung bringt Waren und Menschen mehr oder weniger freiwillig in Bewe\u00adgung. Hunger, Diskriminierungen, Verfolgungen und kriegerische Auseinandersetzungen zwingen Fl\u00fcchtlinge zum Verlassen ihrer Heimat. Hoher Lebensstandard und Wohlstand wird auch in den n\u00e4chsten Jahren MigrantInnen nach Europa bringen und eine Herausforderung f\u00fcr die Menschen und die politische Struktur sein.<\/p>\n<h3>Multikulturalismus und multikultureller Staat<\/h3>\n<p>Laut Stanford Encyclopedia of Philosophy \u00fcberlegt man in der politischen Philosophie im Rahmen des Multikulturalismus, wie man kultureller und religi\u00f6ser Vielfalt gerecht werden kann. Toleranz gegen\u00fcber Minderheiten reicht nicht aus; Behandlung als gleichwertige B\u00fcrgerInnen, Anerkennung der kulturellen Eigenheiten und Ber\u00fccksichtigung von Kollektivrechten werden als notwendig erachtet. Als Minderheiten werden benachteiligte Gruppen, MigrantInnen, ethnische Minderheiten und indigene V\u00f6lker verstanden. (URL2)<\/p>\n<p>Kanada sieht sich offiziell als multikulturelle Gesellschaft und interpretiert Multikulturalis\u00admus als beschreibendes, vorschreibendes oder politisches Konzept, woraus sich die Bereiche soziologische Tatsache, Ideologie und politische Strategie ergeben. (Library of Parliament, URL3)<\/p>\n<p>Der Politikwissenschaftler Milan Podunavac sieht Multikulturalismus als \u201ethe normative response to the fact of cultural diversity of a multicultural society\u201c. (Podunavac, 11)<\/p>\n<p>Der Politikwissenschaftler und Philosoph Will Kymlicka weist auf den Wandel seit den 1960er Jahren hin, als Staaten begannen, ihren Minderheiten \u00f6ffentliche Anerkennung, Unter\u00adst\u00fctzung und Rechte zu geben und fasst diese Konzepte unter dem Begriff \u201emulticultural policies\u201c zusammen. (Kymlicka, 101)<\/p>\n<p>Der multikulturelle Staat versteht sich als politische Gesellschaft gleichberechtigter kultureller Gemeinschaften. Er stellt eine Struktur und Heimat f\u00fcr alle dar, ist aber keiner Gruppe zuge\u00adh\u00f6rig. Die schwierige Aufgabe ist es, intolerante und diskriminierende Einfl\u00fcsse fernzuhalten. Anschlie\u00dfend an seine Beschreibung empfiehlt Poduvanac als politische F\u00f6rderma\u00dfnahmen: \u201eSocial learning, democratic education and deliberative politics.\u201c (Podunavac, 20)<\/p>\n<p>Der Politologe Bhikhu Parekh weist auf die paradoxe Herausforderung hin, vor der ein multi\u00adkultureller Staat steht: \u201ethe greater and deeper the diversity in a society, the greater the unity and cohesion it requires to hold itself together and nurture its diversity.\u201c (Parekh, 196)<\/p>\n<p>Parekh z\u00e4hlt vier m\u00f6gliche politische Strukturen f\u00fcr multikulturelle Staaten auf: Die <b>assimila\u00adtionistische Struktur<\/b> verlangt eine einheitliche gemeinsame nationale Kultur. Minderheiten k\u00f6nnen sich anpassen oder m\u00fcssen sich mit Diskriminierung abfinden. Die <b>zivile assimilatio\u00adnistische Struktur<\/b> fordert eine gemeinsame politische Kultur, die die Grundlage f\u00fcr alle \u00f6ffentlichen und politischen Agenden bildet. Diversit\u00e4t kann im privaten und zivilgesell\u00adschaftlichen Bereich gelebt werden. Diese scharfe Trennung wird bei \u00fcbergreifenden Themen wie Bildung oder Religion zumindest Unklarheiten erzeugen. Da zudem die \u00f6ffentliche Kultur m\u00e4chtiger ist, wird es den diversen privaten Kulturen schwer gemacht, ihre Integrit\u00e4t aufrecht zu halten. Die <b>prozedurale Struktur<\/b> h\u00e4lt eine Integration verschiedener moralischer und kultureller Unterschiede f\u00fcr unm\u00f6glich und beschr\u00e4nkt sich auf die Aufgabe, f\u00fcr Frieden und Stabilit\u00e4t im Staat zu sorgen. Die <b>Millet-Struktur<\/b> verzichtet auf eine eigene Moral und bietet lediglich ein Ger\u00fcst f\u00fcr soziale, politische und wirtschaftliche Interaktionen der ver\u00adschiedenen kulturellen Gemeinschaften. Dieses System wird demokratischen Anspr\u00fcchen nicht gerecht, wie das Beispiel des ottomanischen Reiches zeigt. (vgl. Parekh, 236)<\/p>\n<h3>\u201eCitizenship\u201c<\/h3>\n<p>Demokratie bedeutet die Herrschaft des Volkes. Alle B\u00fcrgerInnen eines Staates bilden den Souver\u00e4n und bestimmen \u00fcber die Regeln des Zusammenlebens. Die Sicherstellung der b\u00fcrgerlichen Freiheit ist der Zweck der Demokratie. Aber bereits im antiken Vorbild Griechenland waren nicht alle BewohnerInnen des Rechtsgebietes gleichzeitig B\u00fcrgerInnen. Rechtlose Sklaven waren von demokratischen Prozessen ausgeschlossen. Gleichzeitig mit der Entstehung der demokratischen Staaten im 19. Jahrhundert kam der Gedanke der Nation auf. Die gemeinsame Identit\u00e4t basierte auf gleicher Sprache, Ethnie, Geschichte und Kultur. \u201eBlood and soil\u201c waren die Grundlage der neuen politischen Identit\u00e4ten und sind es mancher\u00adorts bis heute. In der Annahme, dass Vertrauen und Verst\u00e4ndnis innerhalb einer homogenen Gesellschaft einfacher herzustellen und zu erhalten sind, werden Minderheiten und Migran\u00adtInnen als Gefahr f\u00fcr Stabilit\u00e4t und Frieden betrachtet, und die Versuchung ist gro\u00df, diese Menschen von B\u00fcrgerrechten auszuschlie\u00dfen (vgl. Taylor, 149). Jeder demokratische Staat hat also zuerst festzulegen, wessen Rechte er sch\u00fctzen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>\u201eAll whom it may concern\u201c scheint hier der beste Ansatz zu sein: Menschen halten sich eher an Regeln und Pflichten, wenn sie Mitsprache- und Entscheidungsrecht bei deren Erstellung haben. Schnellere Erteilung der Staatsb\u00fcrgerschaft f\u00fcr MigrantInnen binden die Menschen fr\u00fcher in politische Prozesse ein und lassen sie gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft werden. Kymlicka f\u00fchrt neben der politischen Beteiligung als weitere Ziele der multikultu\u00adrellen Strategie der \u201eCitizenization\u201c auch wirtschaftliche Chancengleichheit und soziale Akzeptanz (Kymlicka, 104) an und weist aber auch darauf hin, dass in neoliberalen Systemen die Bedeutung der Staatsb\u00fcrgerschaft geringer wird (Kymlicka, \u00a0115).<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund des Konzepts der Multiplen Identit\u00e4t erscheinen Mehrfachstaatsb\u00fcrger\u00adschaften eher als logische, denn abwegige Konsequenz. Nicht nur MigrantInnen k\u00f6nnen sich mehreren Gemeinschaften zugeh\u00f6rig f\u00fchlen: jemand kann sich als Katholik, Wiener, allein\u00aderziehender Vater oder als Pakistani, Muslim, \u00d6sterreicher definieren und je nach Situation eine andere Identit\u00e4t als Gemeinschaftskriterium heranziehen. Konflikte entstehen nur dann, wenn zwei Gruppen bzw. Identit\u00e4ten in direkte Konfrontation geraten. Wenn man Mitglied zweier Konfliktparteien ist, wird aber der Wunsch nach Dialog und Ausgleich h\u00f6her sein als die Wahrscheinlichkeit, eine Seite unter Umst\u00e4nden sogar mit Gewalt zu verteidigen.<\/p>\n<h3>\u201eKollektive Rechte\u201c<\/h3>\n<p>Die Rechtfertigung und Ausgestaltung von kollektiven Rechten werden im multikulturellen Diskurs ausf\u00fchrlich behandelt. In den demokratischen Grundrechten wird festgehalten, dass die Freiheit des\/der Einzelne\/n dort endet, wo die Freiheit anderer eingeschr\u00e4nkt wird. Kollektive Rechte erlauben einzelnen Mitgliedern besondere Rechte oder Ausnahmen von allgemeinen Rechten aufgrund ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Minderheit. Sie werden erteilt, um sie vor Diskriminierung zu sch\u00fctzen und ihre speziellen religi\u00f6sen, sprachlichen oder kultu\u00adrellen Traditionen weiterf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Beispiele daf\u00fcr sind bilinguale Schulen oder die Befreiung von der Helmpflicht f\u00fcr Sikhs.<\/p>\n<p>Problematisch bei der Installierung von kollektiven Rechten sind die Erzeugung von Stereo\u00adtypen, essentialistische Festschreibungen, interne Unterdr\u00fcckung und der Effekt der \u201eReligio\u00adnization\u201c.<\/p>\n<p>Kulturen sind keine abgeschlossenen, homogenen Einheiten, die sich eindeutig voneinander unterscheiden. Sie sind nicht statisch, sondern k\u00f6nnen und werden sich stetig ver\u00e4ndern. Kulturelle Eigenschaften k\u00f6nnen auch nicht allen Mitgliedern einer Gruppe zugeschrieben werden. (vgl. Parekh, 50ff)<\/p>\n<p>Die Erteilung eines kollektiven Rechts impliziert, dass alle Mitglieder dieses Recht in gleichem Ausma\u00df f\u00fcr sich beanspruchen. Das birgt die Gefahr, dass es von konservativen Mitgliedern als Druckmittel gegen andere verwendet wird. Es soll jedoch jeder Person frei stehen, ob es Kollektivrechte in Anspruch nimmt oder nicht \u2013 eben genauso, wie sie die freie Wahl haben soll, Teil des Kollektivs zu sein oder nicht. Es ist also immer abzuw\u00e4gen, ob im Sinne des Minderheitenschutzes ein kollektives Recht zu erteilen ist oder ob es m\u00f6glich ist, die Freiheit der einzelnen Gruppenmitglieder \u00fcber individuelles Recht abzusichern. (vgl. Baub\u00f6ck, 263f)<\/p>\n<p>Als Religionization wird die Situation bezeichnet, wenn sich eine kulturelle Minderheit nur \u00fcber das Argument der Religionsfreiheit aus einer ung\u00fcnstigen oder benachteiligten Lage befreien kann. Es f\u00fchrt dazu, dass sich die Religion k\u00fcnstlich zu einem besonderen kulturellen Identit\u00e4tsmerkmal entwickelt. (vgl. Parekh, 198)<\/p>\n<p>Dieser paradoxe Effekt und andere Beispiele f\u00fcr die problematische Verwendung von kultu\u00adrellen Kriterien als Grundlage f\u00fcr politische Ma\u00dfnahmen haben Zweifel \u00fcber bisherige Strate\u00adgien des Multikulturalismus aufgebracht. Gegebenenfalls sollte gepr\u00fcft werden, ob nicht all\u00adgemeine Richtlinien denselben Zweck erf\u00fcllen. Die Etablierung von Interessensvertretungen im modernen Staat, wie zum Beispiel Arbeiter- und Wirtschaftskammern, zeigt, dass es ein\u00adfacher ist, wenn der Fokus nicht auf Identit\u00e4t, sondern auf Bed\u00fcrfnisse und Interessen ge\u00adrichtet ist.<\/p>\n<h3>\u201eCommon Culture\u201c<\/h3>\n<p>Vorneweg ist festzuhalten, dass die gemeinsame Kultur einer multikulturellen Gesellschaft nicht die dominante Kultur ist &#8211; es ist damit nicht gemeint, was in Deutschland als \u201eLeit\u00adkultur\u201c bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Kulturelle Diversit\u00e4t wurde zuerst in den Bereichen Wirtschaft, Bildungswesen und For\u00adschung positiv bewertet. Um die \u201eHuman Resources\u201c optimal f\u00fcr den wirtschaftlichen Erfolg einsetzen zu k\u00f6nnen, wurde das Diversity Management entwickelt. Als Instrument eines demokratischen Staates ist es nicht geeignet, weil die B\u00fcrgerInnen nicht von oben gemanagt, sondern Partizipation und gemeinsamer Dialog erm\u00f6glicht werden sollen. Daf\u00fcr braucht es eine gemeinsame Sprache. Johann Gottfried Herder betrachtete Sprache als \u201erepository\u201c der Gedanken, Gef\u00fchle, Erinnerungen, Hoffnungen und \u00c4ngste einer Nation. (zit.n. Parekh, 68). Wenn Sprache nun im weiteren Sinne verstanden wird, ist es ein bedeutendes Bindeglied f\u00fcr die multikulturelle Gesellschaft. Parekh weist ausdr\u00fccklich auf die Wichtigkeit einer gemein\u00adsamen Kultur als verbindendes Kriterium einer multikulturellen Gesellschaft hin. Derselbe Gedanke liegt dem Motto der Europ\u00e4ischen Union \u201eUnited in Diversity\u201c und dem Ausdruck \u201eE pluribus unum\u201c, der unter anderem im Siegel der Vereinigten Staaten von Amerika ent\u00adhalten ist, zugrunde. Die gemeinsame Kultur entsteht idealerweise durch interkulturellen Dialog gleichberechtigter und respektierter VertreterInnen aller gegenw\u00e4rtigen Kulturen. Sowohl im \u00f6ffentlichen als auch privaten Bereich lernt man sich kennen, macht gemeinsame Erfahrungen und einigt sich auf Werte und Tugenden. (vgl. Parekh, 219ff) All das sind gute Voraussetzungen f\u00fcr Solidarit\u00e4t und zivilgesellschaftliches Engagement.<\/p>\n<p>Vom Politologen und Migrationsforscher Rainer Baub\u00f6ck stammt der Ansatz, dass es dem multikulturellen Zusammenleben f\u00f6rderlicher ist, anstatt f\u00fcr verschiedenen Gruppierungen jeweils eigene politische Plattformen oder Gremien aufzubauen und abzusichern, allen B\u00fcrgerInnen ein gemeinsames Forum f\u00fcr politischen Diskurs zu geben und den diversen Gruppen zu erm\u00f6glichen, eine gemeinsame politische Kultur zu gestalten (Baub\u00f6ck, 268).<\/p>\n<h3>\u201eSoziale Koh\u00e4sion\u201c<\/h3>\n<p>Der Begriff umschreibt den inneren Zusammenhalt und die Solidarit\u00e4t innerhalb einer Gesell\u00adschaft. Die Soziologin Ellie Vasta definiert wie folgt: \u201e(\u2026) social cohesion can be defined as the social arrangements developed by a society for how people with different characteristics and interests can live together peacefully and productively.\u201c (Vasta, 197).<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t bedeutet mehr als Verbundenheit mit anderen Menschen: einerseits mit denen, die nach dem einen oder anderen Kriterium so sind wie ich, und andererseits mit denen, wo eine gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit besteht. Der Soziologe \u00c9mile Durkheim bezeichnete diese Formen als mechanische bzw. organische Solidarit\u00e4t. So gesehen m\u00fcsste eigentlich in Zeiten von Globalisierung und Arbeitsteilung vielfache organische Solidarit\u00e4t vorhanden sein.<\/p>\n<p>Der Soziologe Robert Putnam kam 2007 nach Studien in den USA zu folgendem Schluss: \u201ein ethnically diverse neighbourhoods residents of all races tend to \u2018hunker down\u2019. Trust (even of one&#8217;s own race) is lower, altruism and community cooperation rarer, friends fewer.\u201c (URL4) Nachdem er 1995 publiziert hatte, dass das soziale Kapital in den USA schwindet (URL5), erlaube ich mir hier die Annahme, dass die neuere Studie ein anderes Ergebnis gebracht h\u00e4tte, wenn Gemeinsinn und Engagement in der US-amerikanischen Gesellschaft in einem h\u00f6heren Ausma\u00df vorhanden gewesen w\u00e4ren. Schwache zwischenmenschliche Beziehungen, fehlendes Vertrauen und geringe Kooperationsbereitschaft schaffen ein Klima f\u00fcr Desintegration und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.<\/p>\n<p>Die individuellen Rechte werden heutzutage im Allgemeinen wichtiger als das Gemeinwohl gesehen. Historische und kultur- und sozialanthropologische Studien belegen, dass dies keine universelle Betrachtungsweise ist. Der moderne Individualismus hat seinen Ursprung im liberalen, aufgekl\u00e4rten und freiheitsliebenden Europa und findet eine weitere Erh\u00f6hung im Neoliberalismus: \u201ethe ultimate goal of neoliberalism is not just radical individualism, but rather the creation of subjects who govern themselves in accordance with the logic of globalized capitalism\u201c (McNeish, zit. n. Kymlicka, 113).<\/p>\n<p>Geringe soziale Koh\u00e4sion zeigt sich in mangelnder Bereitschaft, seinen individuellen Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten, wie zum Beispiel Steuerzahlungen. MigrantInnen mit Bezug zu ihrem Herkunftsland wird oftmals vorgeworfen und unterstellt, dass sie keine Zugeh\u00f6rigkeit zum Einwanderungsland entwickeln. Sie werden daher als Gefahr f\u00fcr die soziale Koh\u00e4sion betrachtet. Vasta hat in ihrer britischen Studie gezeigt, dass zum einen Rassismus und Dis\u00adkriminierung durch Briten die Entwicklung von Solidarit\u00e4t und \u201eBelonging\u201c der Migran\u00adtInnen erschwert und sich zum anderen die Zugeh\u00f6rigkeit der neuen Mitb\u00fcrgerInnen eher auf den Staat und nicht die Kultur Gro\u00dfbritanniens bezieht. Aus demokratischer Sicht reicht \u201eBelonging to polity\u201c v\u00f6llig f\u00fcr ein friedvolles und politisch produktives Zusammenleben aus. Populistisch formuliert: das \u201eCommitment\u201c gegen\u00fcber der britischen Demokratie einer kopf\u00adtuchtragenden, steuerzahlenden Nigerianerin ist h\u00f6her als einer in England Geborenen, die Steuern hinterzieht.<\/p>\n<h3>\u201eKultur und Demokratie als Prozess\u201c<\/h3>\n<p>Wenn wir Kultur als Prozess betrachten, ist Multikulturalismus keine Besonderheit von kom\u00adplexen Gesellschaften, sondern bereits auf Haushalts- oder Dorfebene auszumachen. Gender, Alter, Status erzeugen auch in einer homogenen Gesellschaft unterschiedliche kulturelle Aus\u00adpr\u00e4gungen. Je nach Bildung, Familienstand und Wohnort (Stadt\/Land) gelten in einem homo\u00adgenen Staat diverse Rechte, Pflichten, Privilegien und Br\u00e4uche, die als Beispiele f\u00fcr egalit\u00e4ren Multikulturalismus interpretiert werden k\u00f6nnen und immer wieder neu interpretiert und abgewandelt werden.<\/p>\n<p>Kulturen sind st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen unterworfen, zum einen durch die eigenen Mit\u00adglieder: \u201eLoyalty to a culture also involves a duty to explore, deepen, enrich its resources and remove its defects.\u201c (Parekh, 160), zum anderen durch Einfl\u00fcsse von au\u00dfen. (vgl. Parekh, 163ff)<\/p>\n<p>Als unsere Demokratien entstanden, hatten Frauen kein Wahlrecht. Die urspr\u00fcngliche Rechtslage wurde ge\u00e4ndert, weil die Einstellungen, Werte und Handlungen der Menschen sich ge\u00e4ndert haben. Ein Festhalten an Gesetzen, die durch die st\u00e4ndige Ver\u00e4nderung von Gesellschaft und Kultur l\u00e4ngst \u00fcberholt sind, behindert und diskriminiert Menschen. Eine lebendige Demokratie gestattet ein wiederholtes Ausverhandeln von Beziehungen, damit nachkommende Generationen und zuwandernde MigrantInnen ihre Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche einbringen k\u00f6nnen. Dazu passt ein Zitat der politischen Philosophin Hannah Arendt: \u201ePolitik entsteht in dem <i>Zwischen-den<\/i>-Menschen, also durchaus <i>au\u00dferhalb<\/i> des Menschen. Es gibt daher keine eigentlich politische Substanz. Politik entsteht im Zwischen und etabliert sich als der Bezug.\u201c (Arendt, 11)<\/p>\n<h3>Demokratische Herausforderungen<\/h3>\n<p>M\u00f6gen die oben angef\u00fchrten Konzepte Anregungen f\u00fcr demokratische Strukturen und Prozesse bringen, so werden die moralischen Grunds\u00e4tze hinter der Vorstellung des Guten Lebens und die Demokratie an sich in der politischen Diskussion in Demokratien meistens nicht hinterfragt.<\/p>\n<p>Im Vergleich scheint die oben angef\u00fchrte prozedurale Struktur als die f\u00fcr einen multikultu\u00adrellen Staat am besten geeignete zu sein. Doch sie bietet keinen Platz daf\u00fcr, die moralische Grunds\u00e4tze und die Vorstellung vom Guten Leben politisch auszuverhandeln. Die Bewertung, ob ein Lebensstil gut ist, unterliegt einer moralischen Instanz, die wiederum kulturell bedingt ist. (vgl. Parekh, 16ff) Selbst eine liberale Gesellschaft misst Kulturen vom liberalen Stand\u00adpunkt aus und hat kein Verst\u00e4ndnis und keine Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Lebensweisen, die nicht dem liberalen Prinzip entsprechen. (vgl. Parekh, 80ff) Moralische Werte, die ohne Debatte \u00fcber\u00adnommen werden, sind die der dominanten Kultur, zu denen auch die international anerkann\u00adten Menschenrechte z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>In der Kultur- und Sozialanthropologie werden auch die Allgemeinen Menschenrechte zur Diskussion gestellt und genauso wie moderne Demokratie darauf hin untersucht, wie und wie sehr sie kultureller Ausdruck sind.<\/p>\n<p>Aktuell und in Zukunft stellen das vom Sozialanthropologen Steven Vertovec als Super-Diversity benannte Ph\u00e4nomen von komplexem Multikulturalismus und vielf\u00e4ltiger Migration, weiters die Auswirkungen des Neoliberalismus und Turbo-Kapitalismus, wachsende Fl\u00fccht\u00adlingsstr\u00f6me im Zuge von Globalisierung und kriegerischen Auseinandersetzungen sowie Umweltprobleme und Energie- und Ressourcenknappheit die n\u00e4chsten gro\u00dfen Herausforde\u00adrungen f\u00fcr moderne und multikulturelle Demokratien dar.<\/p>\n<h3>Conclusio<\/h3>\n<p>Auf den vorigen Seiten bin ich der Frage nachgegangen, welche sozial- und kulturanthropo\u00adlogischen Konzepte und Erkenntnisse des Multikulturalismus f\u00fcr den polit-theoretischen Dis\u00adkurs \u00fcber eine multikulturelle Demokratie herangezogen werden k\u00f6nnen und fasse meine \u00dcberlegungen kurz zusammen:<\/p>\n<p>Eine multikulturelle Demokratie braucht Klarheit, wessen Rechte sie sch\u00fctzt (\u201eCitizenship\u201c) und ob sie Minderheiten mit \u201eKollektiven Rechten\u201c in besonderem Ausma\u00df sch\u00fctzen m\u00f6chte. Die kultur- und sozialanthropologische Behandlung von kollektiven Rechten und das Konzept der Identit\u00e4t k\u00f6nnen dazu beitragen, den gewichtigen Unterschied zwischen gruppen-interner Unterdr\u00fcckung und externem Schutz herauszufinden.<\/p>\n<p>Die Entwicklung einer \u201eCommon Culture\u201c tr\u00e4gt zur politischen Identit\u00e4t der B\u00fcrgerInnen bei und schafft ein Gemeinschafts- und Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl aller Menschen im Staat und schafft einen Ausgleich zwischen Mehrheitskultur und Minderheitenkulturen. Dieses Gef\u00fchl des \u201eBelonging\u201c verst\u00e4rkt die \u201eSoziale Koh\u00e4sion\u201c und das Soziale Kapital des Staates. Zu diesen Themen kann die Kultur- und Sozialanthropologie au\u00dfer theoretischen Konzepten auch Forschungsergebnisse liefern.<\/p>\n<p>Wenn das Verst\u00e4ndnis von \u201eKultur als Prozess\u201c auf Demokratieebene angewandt wird, erweitert sich der Handlungsspielraum und er\u00f6ffnet Raum f\u00fcr einen kreativen und lebendigen Diskurs \u00fcber Rechte und Pflichten von B\u00fcrgerInnen. Dieses kultur- und sozialanthropo\u00adlogische Konzept kann positiven Beitrag zum multikulturellen Staat liefern. Die Betrachtung von Demokratie als st\u00e4ndiger Prozess entstaubt sie von \u00fcberholten Exklusionen, richtet den Fokus von rigiden Strukturen auf aktuelle Bed\u00fcrfnisse der B\u00fcrgerInnen.<\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe diese Arbeit mit Parekhs Vorschlag f\u00fcr Bedingungen f\u00fcr einen multikulturellen Staat: \u201ea consensually grounded structure of authority, a collectively acceptable set of constitutional rights, a just and impartial state, a multiculturally constituted common culture and multicultural education, and a plural and inclusive view of national identity.\u201c (Parekh, 236)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">~~~<\/p>\n<h3>Quellen<\/h3>\n<p>ARENDT; Hannah. 1995. <i>Was ist Politik?<\/i> M\u00fcnchen: Piper Verlag.<\/p>\n<p>BAUB\u00d6CK, Rainer. 2011. \u201eBeyond culturalism and statism: liberal responses to diversity\u201c in Gerd Baumann und Steven Vertovec (Hg.): <i>Multiculturalism. Critical Concepts in Sociology<\/i>. Volume IV. Crises and Transformations: Challenges and Futures. Abingdon und New York: Routledge. 243-278.<\/p>\n<p>KYMLICKA, Will. 2013. \u201eNeoliberal Multiculturalism?\u201c in: Peter A. Hall and Mich\u00e8le Lamont (Hg.): <i>Social Resilience in the Neoliberal Era.<\/i> Cambridge: Cambridge University Press. 99-125.<\/p>\n<p>LEGGEWIE, Claus. 2011. <i>Multikulti. Spielregeln f\u00fcr die Vielv\u00f6lkerrepublik<\/i>. Salzhemmen\u00addorf: blumenkamp verlag.<\/p>\n<p>PAREKH, Bhikhu. 2000. <i>Rethinking Multiculturalism. Cultural Diversity and Political Theory<\/i>. Houndsmill and London: Macmillan Press Ltd.<\/p>\n<p>PODUNAVAC, Milan. 2012. \u201eWhat is Good about Multiculturalism?\u201c in Milan Podunavac (Hg.): <i>Challenges Of Multiculturalism<\/i>. Belgrad: Heinrich B\u00f6ll Foundation, Regional Office for Southeastern Europe. 11-20.<\/p>\n<p>TAYLOR, Charles. 1999. \u201eDemocratic Exclusion (and its Remedies?)\u201c in Rajeev Bhargava, Amiya Kumar Bagchi, R. Sudarshan (HG.): <i>Multiculturalism, Liberalism and Democracy<\/i>. New Delhi: Oxford University Press. 138-163.<\/p>\n<p>VASTA, Ellie. 2013. \u201eDo We Need Social Cohesion in the 21st Century? Multiple Languages of Belonging in the Metropolis\u201c in: <i>Journal of Intercultural Studies<\/i>, Volume 34, Issue 2. Routledge. 196-213.<\/p>\n<p><b>Internet:<\/b><\/p>\n<p>URL1: Rede Angela Merkels am 16.10.2010 in Potsdam beim Deutschlandtag der Jungen Union<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WaEg8aM4fcc\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WaEg8aM4fcc<\/a> (abgerufen am 27.08.2014)<\/p>\n<p>URL2: Stanford Encyclopedia of Philosophy 2010<br \/>\n<a href=\"http:\/\/plato.stanford.edu\/entries\/multiculturalism\/#PolBacAgaMul\">http:\/\/plato.stanford.edu\/entries\/multiculturalism\/#PolBacAgaMul<\/a> (abgerufen am 27.08.2014)<\/p>\n<p>URL3: Library of Parliament<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.parl.gc.ca\/Content\/LOP\/ResearchPublications\/2009-20-e.pdf\">http:\/\/www.parl.gc.ca\/Content\/LOP\/ResearchPublications\/2009-20-e.pdf<\/a> (abgerufen am 27.08.2014)<\/p>\n<p>URL4: PUTNAM, Robert D. 2007. \u201eE Pluribus Unum: Diversity and Community in the Twenty-first Century. The 2006 Johan Skytte Prize Lecture\u201c in: Scandinavian Political Studies, Vol. 30 \u2013 No. 2, 137-174<br \/>\n<a href=\"http:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1111\/j.1467-9477.2007.00176.x\/\">http:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1111\/j.1467-9477.2007.00176.x\/<\/a> (abgerufen am 27.08.2014)<\/p>\n<p>URL5: PUTNAM, Robert D. 2007. <i>Bowling Alone. America\u2019s Declining Social Capital.<br \/>\n<\/i><a href=\"http:\/\/xroads.virginia.edu\/~HYPER\/DETOC\/assoc\/bowling.html\">http:\/\/xroads.virginia.edu\/~HYPER\/DETOC\/assoc\/bowling.html<\/a> (abgerufen am 27.08.2014)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine wissenschaftliche Arbeit \u00fcber &#8222;Kultur- und sozialanthropologische Beitr\u00e4ge zur politischen Theorie eines multikulturellen demokratischen Staates&#8220; verfasste ich im Sommersemester 2014 f\u00fcr das Proseminar Kultur- und Sozialanthropologisches Schreiben bei Mag. 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