Liebe, Hass, Angst – Politik und Ökonomie der Gefühle

Mein Essay für das Proseminar von Mag. Dr. Herta Nöbauer im Wintersemester 2012.

In der heutigen globalisierten Welt ziehen Handelswaren, Kapital, Informationen und Arbeitskräfte schneller und einfacher umher als jemals zuvor. Die Kultur- und Sozialanthro­pologie (KSA) beschäftigt sich generell mit Phänomenen der Globalisierung und speziell seit dem Affective Turn, ca. 2000, mit der Frage, wie Gefühle dabei eine Rolle spielen.
Das westliche Denken war gewohnt, streng zwischen Vernunft und Gefühl zu trennen. Argumentation und Entscheidung sollten frei von Emotionen sein, sich an Fakten und Logik halten (vgl. Svašek 2007: 368ff). Andererseits werden in Politik und Wirtschaft (Werbung!) zunehmend emotionale Argumente verwendet.

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Die KSA hat sich früher als andere Disziplinen mit nichtwestlichen Kulturen und Sozial­strukturen auseinandergesetzt und zeigt, dass Emotionen mehr als eine Privatangelegenheit sind und definitiv gesellschaftliche Bedeutung haben:

–     Emotionen beeinflussen unsere Wahrnehmung der Umwelt und unsere Entscheidungen.

–     Umgekehrt sind unsere Gefühle selbst abhängig vom Verhalten anderer Menschen – „emotions often occur in social contexts“ (Svašek 2007: 371).
Ebenso ist die Bedeutung, die wir ihnen geben, von sozialen Normen abhängig. Die Globalisierung bringt zusätzliche Veränderungen und Risiken und beeinflusst in weiterer Folge unser Gefühlsleben.

–     Emotionen produzieren Wirklichkeiten, soziale Einheiten und Identitäten. Erfahrungs­gemäß haben Gefühle Energie, und die noch brisantere, dynamischere Ausprägung als Affekt befähigt Menschen, sogar „global economic shifts through cultural labour“ (Richard 2009: 60) herbeizuführen.
Für Analiese Richard und Daromir Rudnyckyj ist die reflexive Eigenschaft von Affekt analytisch interessant, weil sie – wie Macht – sowohl auf Subjekt als auch Objekt wirkt (Richard 2009: 59).

–     Aber nicht nur Veränderung, auch Kontinuität braucht Emotion(en). Machtstrukturen können selten mit vernünftigen Gründen aufrecht erhalten werden. Daher werden andere Strategien verwendet: emotionsgeladen wird auf gemeinsame Werte und Geschichte der Gruppe hingewiesen und das Eigene als einzig wahre Norm dargestellt. Bei Störungen dieser „natürlichen Harmonie“ durch Andere zeigt man sich als Opfer und legitimiert Hassgefühle als unvermeidlichen Schutzinstinkt: „At least not a hate motivated by ungrounded reasoning.“ (Aryan Nations Web site zitiert nach Ahmed 2004: 117).
Historische Fakten und Chronologie werden umgeschrieben und umgedeutet. Sara Ahmed spricht von „backward movement of emotions“, das Erwecken von historischen Assoziationen. Ergänzend bezeichnet sie haftende Assoziationen von Zeichen, Figuren und Objekten als „sideway movement“. (Ahmed 2004: 120)

Neoliberale Politik und globale Ökonomie wirken auf die Emotionen von Individuen und sozialen Gruppen. Diese Emotionen wiederum bringen (neue) soziokulturelle Phänomene hervor, die politische und wirtschaftliche Relevanz besitzen. Das wissenschaftliche Problem liegt in der Herausforderung, geeignete Theorien und Forschungsmodelle zur Betrachtung dieses Geflechts zu wählen oder neu zu definieren und formulieren.

Das kann ein altbewährtes Modell sein, das auf Ritual und Kinship basiert, wie es Analiese Richard für ihre empirische Studie in Mexiko verwendete (Richard 2009: 58), Methoden der Grounded Theory, um sich der Dynamik und Komplexität theoretisch anzunähern, Narrative Interviews, um Raum für Unerwartetes zu haben, oder die analytische Aufteilung von Globalisierung in die drei Dimensionen Menschen, Ideen/Praxis, Objekte/Images, wie es Maruška Svašek und Zlatko Skrbiš in ihrem Artikel „Passions and Powers: Emotions and Globalisation“ gemacht haben. Im Critical Reader „Cultures of Fear“ nähert man sich von ethnografischem Material ausgehend den theoretischen Fragen.

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Die globalen Verflechtungen bringen uns nicht nur Bananen, Smartphones und T-Shirts zum Preis eines gut belegten Jausenweckerls, sondern auch das Böse bis an den Zaun unseres gepflegten Vorgartens. Soziale Probleme stehen mittlerweile verblasst auf der To-Do-Liste unserer PolitikerInnen, aber nicht auf der Agenda von imperialen Konzernen. Wir sind der Absatzmarkt für die Sicherheits-, Überwachungs- und Waffenindustrie, aber fühlen uns als Anschlagsziel von Terroristen und Auffangbecken von ungebildeten, kriminellen Asylanten.

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Grenzen sind notwendig für Identität und Kontinuität. Sie werden deutlich wahrgenommen, wenn sie übertreten werden. Aber genau dann sind sie bereits in Gefahr und ihre Durchlässig­keit wird deutlich: „Cultures of fear rely on this performative capacity of borders“ (Linke 2009: 7). Es ist also möglich, dass sich TerroristInnen im eigenen Land aufhalten, ohne dass wir sie erkennen können: „the bogeyman could be anywhere and anyone“ (Ahmed 2004: 123). Diese Unsicherheit erzeugt Angst.

Die Fakten stehen in krassem Widerspruch zu einer offenen westlichen Grundhaltung, die auf den Menschenrechten aufbaut, weil sie zeigen, dass die Aufrechterhaltung unserer Grenzen auf Kosten von Menschenleben geht. Wir im Westen töten dafür – nicht nur militärisch systematisch an den Grenzen, sondern auch innerhalb. Zuhause ermorden hasserfüllte RassistInnen Asylsuchende und Menschen, die „fremdländisch“ aussehen. „Hate Crimes“ sind extreme Erscheinungsformen. Vor allem aber erzeugt die Angstkultur latente Diskriminierung und die Duldung von unauffälligem „war on terror“ mit Überwachung und abgeschirmten Camps. In diesem Sinne kann die Ablehnung von verhüllten Muslima auch als Überwachungsproblem gesehen werden.

Menschen lassen sich von Angstpropaganda anstecken. Sie halten die Rechtfertigungen, Erklärungen und Assoziationsketten von manchen PolitikerInnen und Medien für wahr und gültig und unausweichlich – auch wenn „strategic emotional rhetoric may simplify or distort complex political realities“ (Svašek 2007: 370). Doch manchmal formulieren PolitikerInnen die Absichten klar und deutlich: „We cannot let the terrorist achieve the objective of frightening our nation to the point where (…) people don’t shop.“ (George W. Bush in einer Pressekonferenz am 11.10.2001).

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Stete Angst erschwert vernünftiges Denken. Wichtige Entscheidungen brauchen Zeit und Diskurs. Das sind zwei Themen, die heutzutage relevant sind und zu denen ich noch keine wissenschaftlichen Beiträge der KSA kenne.
Weiters möchte ich recherchieren, welche Studien es zum Thema Missverständnisse gibt. Die Annahme, dass dieses theoretisch anerkannte und aus persönlicher Erfahrung wohlbekannte Kommunikationsfaktum auf gesellschaftlicher und politischer Ebene bedeutungslos sei, ist wohl unrealistisch.

Die Auseinandersetzung mit Politik und Ökonomie von Gefühlen hat für mich also weitere Fragen aufgeworfen und im Besonderen mein Interesse geweckt, wie sie in den Bereichen Frieden, Nachhaltigkeit/Ökologie und alternative Lebensstile angewandt werden (können).

Bezüglich Methode möchte ich Michel Foucault und Analiese Richard/Daromir Rudnyckj folgen und den Fokus auf Prozesse legen: „(the) way of doing things“ (Foucault 1979, zitiert nach Richard 2009: 60).

 

Literatur:

Ahmed, Sara (2004). Affective Economies. Social Text 79, Vol. 22, No. 2, pp. 117–139.

Linke, Uli and Smith, Danielle Taana (2009). Fear: A Conceptual Framework. In: Dies. (Eds.): Cultures of Fear. A Critical Reader. New York: Pluto Press, pp. 1–17.

Richard, Analiese and Rudnyckyj, Daromir (2009). Economies of affect. Journal of the Royal Anthropological Institute (N.S.), Vol. 15, pp. 57–77.

Svašek, Maruška and Skrbiš, Zlatko (2007). Passions and Powers: Emotions and Globalisa­tion. In: Identities: Global Studies in Culture and Power, Vol. 14, Issue 4, pp. 367–383.