Twelve Monkeys

Mein Essay für die Vorlesung „Mythen“ von Elke Mader im Sommersemester 2012.

„…5 BILLION PEOPLE WILL DIE FROM A DEADLY VIRUS IN 1997…
…THE SURVIVORS WILL ABANDON THE SURFACE OF THE PLANET…
…ONCE AGAIN THE ANIMALS WILL RULE THE WORLD… „

– Excerpts from interview with clinically diagnosed paranoid schizophrenic,
April 12, 1990 – Baltimore County Hospital.

Einleitung

Verrücktheit ist auf den ersten Blick ein Thema der Psychologie. Die Anthropologie beschäftigt sich mit dem, was Außenstehende erkennen können, nicht was in den Köpfen einzelner vor sich geht. Doch unser Verhalten baut auf unserer Wahrnehmung, unserem Denken und Glauben auf. Wir (re)agieren entsprechend unseren Ängsten und Sehnsüchten. Wir erklären uns die Welt und das Leben und benutzen unsere Erkenntnisse als Grundlage für unsere Entscheidungen.

Solange diese Prozesse sich im Großen und Ganzen mit denen unserer Mitmenschen decken, werden wir auch nicht verhaltensauffällig. Der glückliche Einsiedler mag ein tadelloses, friedliches, naturverbundenes, unabhängiges Leben führen, doch es wird Menschen geben, die ihn gerade deswegen verrückt nennen. Und hier findet sich der Anknüpfungspunkt zur Anthropologie und im weiteren Sinn zur Mythologie: es geht um Zuschreibungen.

Verrückt sind immer die anderen.

Ich definiere meine eigene Identität damit, wenn ich sage, was fremd ist. Das gleiche gilt für die Erklärung, was verrückt ist. Eine Kultur und Gesellschaft definiert das, was von ihren Regeln abgerückt ist als verrückt. (Oder kriminell.) Die deutsche Sprache liefert damit ein gutes Bild.

Wohingegen der umgangsprachliche Begriff des „Gestörten“ eigentlich unkorrekt ist: schließlich sind es die anderen, die gestört werden. Als Schuldzuweisung und Abwertung wiederum ein sprechendes Bild der Machtverhältnisse.

Twelve Monkeys ist zunächst einmal ein Science Fiction – Film: Die Menschen im Jahre 2035 leben auf ein Prozent der früheren Anzahl dezimiert unter der Erde, weil ein für den Menschen tödlicher Virus das Leben auf der Erdoberfläche unmöglich macht. Der Gefangene James Cole wird in die Vergangenheit geschickt, um die Menschheit zu retten. Aus der Zukunft kommend weiß er Dinge, die für die Zeitgenossen vierzig Jahre zuvor unglaublich klingen. Sein Verhalten und seine Aussagen können von Polizei und Psychiatern in den 1990er Jahren nur so interpretiert werden, dass sie ihn für verrückt halten. So erleidet er das gleiche Schicksal wie Kassandra, die Gestalt der griechischen Mythologie. Trotz seines Wissens kann er seinem Schicksal nicht entrinnen.

Der Regisseur des Film ist Terry Gilliam. Er wurde in den 1970er Jahren mit seinen Arbeiten mit Monty Python bekannt. Bereits 1981 drehte er einen Film, der sich mit Zeitreisen beschäftigt: „Time Bandits“. 1995 kam „Twelve Monkeys“ in die Kinos, die Hauptdarsteller sind Bruce Willis, Madeleine Stowe und Brad Pitt.

In meiner Analyse werde ich die folgenden Aspekte behandeln:

  • Macht: wer bestimmt, was verrückt ist?
  • Umwelteinflüsse: was macht verrückt?
  • Die Figur des Verrückten: wie haben sich Verrückte zu verhalten?
  • Der positive Wert: wofür müssen Verrückte herhalten?
  • Das Religiöse: wie verrückt sind Erlöser?

Der Mythos der Verrücktheit/des Verrückten wird in Twelve Monkeys in klaren Bildern und Dialogen dargelegt. Der Film verwendet bekannte und allgemein verständliche Symbole und gibt uns Beispiele zur Erklärung von Phänomenen. In diesem Sinne halte ich diesen Film für hervorragend geeignet zur mythologischen Analyse.

Die Handlung des Films

James Cole lebt 2035 als Gefangener in einem Käfig unter der Erde, wie alle Menschen zu dieser Zeit. Ein Virus hatte 1996 die Menschen gezwungen, die Erdoberfläche zu verlassen. Milliarden Menschen waren gestorben. Für Tiere war der Virus ungefährlich: sie leben weiterhin.

Die Wissenschaftler konnten eine Zeitreisemaschine entwickeln und wollen nun den ursprünglichen Virus aus der Vergangenheit holen, um ein passendes Gegenmittel kreieren zu können. Cole wird eine Begnadigung versprochen, wenn er als „Freiwilliger“ diese Aufgabe erledigt. Die Maschine ist jedoch fehleranfällig und Cole landet zunächst im Jahr 1990. Er landet in einer psychiatrischen Anstalt und lernt dort die Psychiaterin Dr. Kathryn Railly und den Insassen Jeffrey Goines kennen. Goines ist verhaltensauffällig, hat aber auch überraschend kluge Einsichten. In den Gesprächen zwischen ihm und dem mit Drogen behandelten Cole entsteht die Idee der „Army of the Twelve Monkeys“, mehr oder minder zufällig inspiriert durch zwei im Hintergrund laufende Fernsehsendungen: ein Bericht über Tierversuche und „Monkey Business“ der Marx Brothers.

Cole verschwindet für die Ärzte unerklärlicherweise aus der Anstalt, als er wieder in die Zukunft zurückgeholt wird. Nach dieser ersten erfolglosen Mission erhält er von den Wissenschaftlern Informationen über die ominösen Twelve Monkeys und tritt die nächste Reise an. Er landet kurz in einem französischen Schützengraben des ersten Weltkriegs, wo er sich eine Kugel im Bein einfängt, und dann in Baltimore im Jahr 1996. Cole ist klar, dass er alleine nicht weiter kommt: er hat kein Geld, kann nicht Auto fahren. Sechs Jahre zuvor hat ihm Dr. Railly ihre Hilfe angeboten, jetzt zwingt er sie, ihn nach Philadelphia zu begleiten.

Cole und Railly kommen sich näher. Raillys wissenschaftliches Thema ist „Madness and Apocalyptic Visions“ und langsam kommt sie zur Überzeugung, dass Coles Geschichte wahr ist. Ein Beweis dafür ist die Armee-Kugel aus dem Jahr 1917, die sie ihm aus dem Oberschenkel entfernt. Cole aber verliert das Interesse an seiner Mission und möchte im Jahr 1996 verweilen: er liebt die frische Luft, Musik und Railly.

Es stellt sich heraus, dass Goines‘ Armee der Twelve Monkeys nichts mit dem Virus zu tun hat. Er will bloss die Tiere befreien, die sein Vater als Virologe in Versuchslabors hält. In diesem Labor arbeitet aber der wirkliche Täter Dr. Peters, der den Virus entwenden kann und sich auf den Weg macht, ihn weltweit zu verbreiten.

Cole und Railly wollen dem Schicksal entfliehen und ans Meer fliegen. Er hat die finale Szene am Flughafen bereits als Kind und später immer und immer wieder in seinen Träumen gesehen: er will den Täter erschießen, wird aber selbst von Sicherheitskräften getroffen. Railly läuft zu ihm und kniet bei ihm, während er stirbt. Sie kennt Coles Erzählung und blickt suchend umher. Sie entdeckt Cole als achtjährigen Jungen in der Nähe und lächelt ihn an.

Doch Coles Mission war nicht umsonst: in der allerletzten Szene sitzen eine Wissenschaftlerin aus der Zukunft und Dr. Peters nebeneinander im Flugzeug.

Analyse

„There’s no right, there’s no wrong,
there’s only popular opinion.“ (Jeffrey Goines)

Oder: Wer sagt, was verrückt ist?

Coles erste Zeitreise bringt ihn gleich wieder in eine Zelle. Er wurde von der Polizei aufgegriffen: er wußte das aktuelle Datum nicht und konnte keine „ID“ vorweisen. Wäre er weitere hundert oder zweihundert Jahre in die Vergangenheit gereist, hätten ihn diese zwei Fakten wohl in keine Schwierigkeiten gebracht. In den USA 1990 ist es offensichtlich die Norm, dass man immer orientiert ist und sich ausweisen kann. Wer von dieser Regel abrückt (und sich körperlich gegen eine polizeiliche Festnahme wehrt), gilt als verrückt.

Die Entscheidung, ob jemand verrückt oder kriminell ist, ist immer ein Ausdruck von Macht bzw. Entmachtung. Die Linie zwischen normal und abnorm, gut und schlecht, harmlos und gefährlich wird ständig – mit jedem richterlichen Spruch und jeder ärztlichen Einweisung neu gezogen. Damit eine Regel aufrecht bleiben kann, muss sie ständig eingehalten werden. (vgl. Malinowski 2005: S.170).

 „I hate those things. They mess my head up.“ (Dr. Railly)

Oder: Was macht verrückt?

Cole lebt als Gefangener des Jahres 2035 in einem Käfig und blickt auch als Insasse der psychiatrischen Anstalt durch Fenstergitter ins Freie. Wie kann ein Mensch psychisch gesund werden, wenn er ständig eingesperrt ist? Diese Enge wird im gesamten Film immer wieder gezeigt.

In der Zukunft ist die Luft auf der Erdoberfläche tödlich. In der ersten Szene wird Cole nach oben geschickt, um zu Forschungszwecken Tiere einzufangen und nach unten zu bringen. Er trägt dabei einen Schutzanzug. Bei seinen Reisen in die Vergangenheit ist die frische Luft ein wiederkehrendes Thema. Er streckt seinen Kopf aus dem fahrenden Auto und jauchzt. Das abgeschottete Leben unter der Erde würde jeden von uns auf Dauer wahnsinnig machen. Die frische Luft als Symbol für Nähe zur Natur und Lebensfreude ist einfach und direkt.

Die Psychiaterin selbst mag keine Beruhigungsmittel nehmen – sie weiß, welche Wirkung sie haben. Cole bekommt bei seinem Aufenthalt in der Anstalt Medikamente, sie machen ihn träge und trüben seine Wahrnehmung und sein Erinnerungsvermögen. Die Sinnhaftigkeit von medikamentöser Behandlung wird in Frage gestellt.

Aber auch dass Patienten wie Kinder behandelt werden, von oben herab, lässt nachfühlen, dass damit aggressive Reaktionen ausgelöst werden können. In der Anstalt sind Brettspiele hinter Gittern, sie müssen in Sicherheit gebracht werden. Und tatsächlich: Goines wirft sie umher.

Wenn die Realität unerträglich oder unverständlich ist, sucht sich der Mensch eigene Erklärungen. Goines bastelt sich kreative Erklärungen (Verrückte dürfen nicht nach draußen telefonieren, weil sie die Gesunden draußen mit ihrer Verrücktheit anstecken würden.), die eine überraschend stringente Logik aufweisen.

Lebensumstände bringen Menschen also soweit, dass sie verrückte und manchmal sogar furchtbare Dinge tun. Aber sogar hinter der schrecklichsten Tat im Film, die Verbreitung des tödlichen Virus, steckt ein Urteil über Verrücktheit. Dr. Peters zählt negative Auswüchse der menschlichen Rasse auf („proliferation of atomic devices, uncontrolled breeding habits, the rape of the environment, the pollution of land, sea, and air“) und betrachtet „The Homo Sapiens Model ‚Let’s go shopping‘ als „cry of the true lunatic“.

„I am a mental patient. I am supposed to act like that.“ (Jeffrey Goines)

Oder: Wie haben sich Verrückte zu verhalten?

Cole erscheint in seinem Verhalten oft schlichtweg fehl am Platz. Wie ein Reisender in einer fremden Kultur muss er sich zurücknehmen, überlegen, wie er sich verständlich machen kann (um eben nicht verrückt zu erscheinen). Wir wissen, dass sein Verhalten aus seiner Sicht vollkommen verständlich ist.

Goines hingegen liefert ein widersprüchliches Bild. In seiner ersten Szene überrascht er mit der klugen Bemerkung, dass es doch eigentlich die Aufgabe des Wärters wäre, dem Neuen (Cole) die Regeln im Aufenthaltsraum zu erklären. Als er aber die „DeLuxe“-Führung für Cole beginnt, nachdem der Wärter ihm dafür 5000 Dollar verspricht, spüren wir, Goines ist zurecht dort: sein Realitätssinn ist eingeschränkt. Goines weiß im Prinzip, wie er sich verhalten muss, aber manchmal scheint er einfach Spaß daran zu haben, sich nicht an die Regeln zu halten. 1996 sitzt er unauffällig unter den Gästen im Hause seines Vaters und irritiert erst, als er beim Aufstehen seine Schuhe in die Hand nimmt und auf den Socken den Raum verlässt.  Letztendlich entspricht er aber mit seinen seltsamen Handgesten und Blicken dem Bild eines Verrückten.

Ein Psychiater der Anstalt zeigt in einer Szene eine befremdliche Angewohnheit: bei geöffneten Mund klopft er 18-mal mit seiner Zunge gegen die gespannte Unterlippe. Bei seinen Patienten würde das vermutlich negativ interpretiert werden. Als Doktor in weißem Kittel geniesst man mehr höhere Toleranz.

„(…) the agony of foreknowledge combined with the impotence
to do anything about it“ (Dr. Kathryn Railly)

Oder: Wofür müssen Verrückte herhalten?

Railly hält einen Vortrag über ihr Buch „Madness and Apocalyptic Visions“ und erzählt vom Schicksal Kassandras: Sie hatte die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen und war verdammt, weil ihr niemand Glauben schenkte. Auch Cole kennt als Zeitreisender die Zukunft und er wünscht sich später, dass er dieses Wissen vergessen würde und sehnt sich nach Ungewissheit.

In jeder Kultur gibt es Dinge, die man besser nicht ausspricht. Worte haben magische Bedeutung. Unglaubliche Dinge anzukündigen, kann für die aktuelle Struktur einer Gesellschaft gefährlich sein, vor allem für die Inhaber von Macht.

Andererseits brauchen Gesellschaften Raum für Konflikte und Ungerechtigkeiten. Die lange Tradition der Narren hat dort ihren Ursprung. Die Geschichten von Hofnarren und Schalken wie Till Eulenspiegel machen das Leben für die Untertanen leichter. Und im Fasching dürfen alle machen, was sie wollen. Zumindest einmal im Jahr ist es offiziell gestattet, sämtliche Regeln zu brechen.

 „There he is. Please, stop him!“ (Dr. Kathryn Railly)

Oder: Wie verrückt müssen Erlöser sein?

Anormale werden seit jeher und überall auch mit magischen und religiösen Ideen in Zusammenhang gebracht (vgl. auch Malinowski 2005: S.99). Wenn sich Menschen kaum mit trivialen Themen beschäftigen, wenn ihnen die sprichwörtliche Bodenhaftung zu fehlen scheint, haftet ihnen sowohl etwas Übernatürliches als auch Verrücktes an. Was auch immer die Gründe für die Abneigung bzw. Ignoranz gegenüber dem alltäglichen Leben sein mögen.

Es finden sich auch Parallelen zur christlichen Mythologie: nachdem der Mensch die Schöpfung Gottes verändert hat, indem er mittels Genmanipulation ein tödliches Virus geschaffen hat, wird er aus dem Paradies vertrieben und muss unter der Erde dahinvegetieren. Ein Mann mit den Initialien J.C. (wie Jesus Christus) ist auserwählt. Er wird von den meisten Menschen seiner Umgebung für verrückt gehalten. Christus vollbringt wundersame Taten und schart die Jünger um sich. Cole verblüfft Railly mit einer 80 Jahre alten Kugel in seinem Bein und weiß, wo sich ein vermisster Junge versteckt, bevor es in den Nachrichten gesagt wird. Sie folgt ihm danach treu und hilfsbereit. Zuletzt opfert sich freiwillig und bewusst, um Heilung für die Menschheit zu bringen.

Conclusio

Twelve Monkeys bietet eine Vielzahl an Interpretationen: wir können den Film als christlichen Mythos mit Sündenfall und Erlösung betrachten, als Beispiel für Fatalismus und die Unmöglichkeit, selbst mit der Technologie von Zeitreisen seinem Schicksal entrinnen zu können, als moderne Version der griechischen Erzählung von Kassandra, als cineastische Mahnung vor den Gefahren von Biotechnologie, oder einfach als eine weitere unglückliche Liebesgeschichte.

In dem Sinne, dass mythmaker „bestimmte Erzählweisen und Interpretationen in Umlauf“ bringen (Mader 2008: S.87), hat Terry Gilliam diese Chance hervorragend mit Twelve Monkeys genutzt. Er hat sowohl mehrere bekannte Mythen verwendet als auch mit spannendem Plot, reicher Bildsprache und origineller Ausstattung einen eigenen neuen Mythos geschaffen.

Abschließend möchte ich anregen, den Film (noch) einmal anzusehen und sich dabei die Zeitreisen als reine Phantasie von James Cole vorzustellen: genialerweise funktioniert er auch dann.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Gilliam, Terry (Regie): Twelve Monkeys. USA, 1995.

Lévi-Strauss, Claude: Mythos und Bedeutung. Frankfurt am Main, 1980.

Mader, Elke: Anthropologie der Mythen. Wien, 2008.

Malinowski, Bronislaw: Eine wissenschaftliche Theorie der Kultur. Frankfurt am Main, 2005.