Multikulturelle Demokratie

Meine wissenschaftliche Arbeit über „Kultur- und sozialanthropologische Beiträge zur politischen Theorie eines multikulturellen demokratischen Staates“ verfasste ich im Sommersemester 2014 für das Proseminar Kultur- und Sozialanthropologisches Schreiben bei Mag. Igor Eberhard.

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Fragestellung und Aufbau der Arbeit

Im Zuge der Lektüre zum Thema Multikulturalismus tauchten Fragen politischer Dimension wie zum Beispiel Staatsbürgerschaft, Bürgerrecht, Minderheitenrecht, Staatenbildung, demo­kratische Theorie und die Idee des kulturneutralen Staates auf. Es zeigte sich interessanter­weise, dass sowohl Demokratie als auch Multikulturalismus Vertrauen, Diskurs, Partizipation, Commitment, soziale Kohäsion und gemeinsame Identität brauchen (vgl. Taylor, 145f). Daraus ergab sich die Fragestellung dieser Arbeit: Welche sozial- und kulturanthropo­logischen Konzepte und Erkenntnisse des Multikulturalismus können für den polit-theoretischen Diskurs über eine multikulturelle Demokratie herangezogen werden?

Die Einleitung führt vom Schlagwort „MultiKulti“ zur momentanen Situation in Europa. Es folgen vier Definitionen des Begriffs Multikulturalismus und drei Beschreibungen multi­kultureller Staaten. Im Hauptteil der Arbeit werden die Konzepte „Citizenship“, „Kollektive Rechte“, „Common Culture“, „Soziale Kohäsion“ und „Kultur und Demokratie als Prozess“ näher ausgeführt und deren demokratische Relevanz dargelegt. Philosophische und aktuelle Herausforderungen für demokratische Staaten werden ebenfalls kurz erwähnt, bevor die Arbeit mit einer Conclusio abschließt.

Einleitung

2010 erklärte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel den „[…] Ansatz zu sagen, jetzt machen wir hier mal Multikulti und leben so nebeneinander her und freuen uns übereinander“ für „gescheitert“ (URL1).

20 Jahre vor Merkels Rede veröffentlichte der Politikwissenschaftler Claus Leggewie das Buch „MultiKulti. Spielregeln für die Vielvölkerrepublik“. Mag der Titel zwar salopp nach einem Album des Jazzmusikers Don Cherry benannt und im Untertitel von Spiel die Rede sein – vom Nebeneinander-her-Leben und Sich-übereinander-Freuen ist im Buch nichts zu lesen. Leggewie schlägt die Abschaffung des Ausländergesetzes, erleichterte Einbürgerung und ökonomische Förderung für MigrantInnen vor; er schreibt von Mehrfach-Staatsbürger­schaft, Kollektivrechten, Antirassismus als habitualisierte Selbstverständlichkeit und davon, „[…] die Anregungen der auf Autonomie und Integration drängenden sozialen Bewegungen und Bürgerrechtler konstitutionell aufzugreifen und sie überall dort politisch zu stützen, wo Markt und Selbsthilfe nicht ausreichen, um–im Sinne Hannah Arendts–aus sozialen Ungleichheiten nicht politische Diskriminierungen werden zu lassen.“ (Leggewie, 174)

Die multikulturelle Gesellschaft in Europa ist eine unbestreitbare und unausweichliche Tat­sache: die Globalisierung bringt Waren und Menschen mehr oder weniger freiwillig in Bewe­gung. Hunger, Diskriminierungen, Verfolgungen und kriegerische Auseinandersetzungen zwingen Flüchtlinge zum Verlassen ihrer Heimat. Hoher Lebensstandard und Wohlstand wird auch in den nächsten Jahren MigrantInnen nach Europa bringen und eine Herausforderung für die Menschen und die politische Struktur sein.

Multikulturalismus und multikultureller Staat

Laut Stanford Encyclopedia of Philosophy überlegt man in der politischen Philosophie im Rahmen des Multikulturalismus, wie man kultureller und religiöser Vielfalt gerecht werden kann. Toleranz gegenüber Minderheiten reicht nicht aus; Behandlung als gleichwertige BürgerInnen, Anerkennung der kulturellen Eigenheiten und Berücksichtigung von Kollektivrechten werden als notwendig erachtet. Als Minderheiten werden benachteiligte Gruppen, MigrantInnen, ethnische Minderheiten und indigene Völker verstanden. (URL2)

Kanada sieht sich offiziell als multikulturelle Gesellschaft und interpretiert Multikulturalis­mus als beschreibendes, vorschreibendes oder politisches Konzept, woraus sich die Bereiche soziologische Tatsache, Ideologie und politische Strategie ergeben. (Library of Parliament, URL3)

Der Politikwissenschaftler Milan Podunavac sieht Multikulturalismus als „the normative response to the fact of cultural diversity of a multicultural society“. (Podunavac, 11)

Der Politikwissenschaftler und Philosoph Will Kymlicka weist auf den Wandel seit den 1960er Jahren hin, als Staaten begannen, ihren Minderheiten öffentliche Anerkennung, Unter­stützung und Rechte zu geben und fasst diese Konzepte unter dem Begriff „multicultural policies“ zusammen. (Kymlicka, 101)

Der multikulturelle Staat versteht sich als politische Gesellschaft gleichberechtigter kultureller Gemeinschaften. Er stellt eine Struktur und Heimat für alle dar, ist aber keiner Gruppe zuge­hörig. Die schwierige Aufgabe ist es, intolerante und diskriminierende Einflüsse fernzuhalten. Anschließend an seine Beschreibung empfiehlt Poduvanac als politische Fördermaßnahmen: „Social learning, democratic education and deliberative politics.“ (Podunavac, 20)

Der Politologe Bhikhu Parekh weist auf die paradoxe Herausforderung hin, vor der ein multi­kultureller Staat steht: „the greater and deeper the diversity in a society, the greater the unity and cohesion it requires to hold itself together and nurture its diversity.“ (Parekh, 196)

Parekh zählt vier mögliche politische Strukturen für multikulturelle Staaten auf: Die assimila­tionistische Struktur verlangt eine einheitliche gemeinsame nationale Kultur. Minderheiten können sich anpassen oder müssen sich mit Diskriminierung abfinden. Die zivile assimilatio­nistische Struktur fordert eine gemeinsame politische Kultur, die die Grundlage für alle öffentlichen und politischen Agenden bildet. Diversität kann im privaten und zivilgesell­schaftlichen Bereich gelebt werden. Diese scharfe Trennung wird bei übergreifenden Themen wie Bildung oder Religion zumindest Unklarheiten erzeugen. Da zudem die öffentliche Kultur mächtiger ist, wird es den diversen privaten Kulturen schwer gemacht, ihre Integrität aufrecht zu halten. Die prozedurale Struktur hält eine Integration verschiedener moralischer und kultureller Unterschiede für unmöglich und beschränkt sich auf die Aufgabe, für Frieden und Stabilität im Staat zu sorgen. Die Millet-Struktur verzichtet auf eine eigene Moral und bietet lediglich ein Gerüst für soziale, politische und wirtschaftliche Interaktionen der ver­schiedenen kulturellen Gemeinschaften. Dieses System wird demokratischen Ansprüchen nicht gerecht, wie das Beispiel des ottomanischen Reiches zeigt. (vgl. Parekh, 236)

„Citizenship“

Demokratie bedeutet die Herrschaft des Volkes. Alle BürgerInnen eines Staates bilden den Souverän und bestimmen über die Regeln des Zusammenlebens. Die Sicherstellung der bürgerlichen Freiheit ist der Zweck der Demokratie. Aber bereits im antiken Vorbild Griechenland waren nicht alle BewohnerInnen des Rechtsgebietes gleichzeitig BürgerInnen. Rechtlose Sklaven waren von demokratischen Prozessen ausgeschlossen. Gleichzeitig mit der Entstehung der demokratischen Staaten im 19. Jahrhundert kam der Gedanke der Nation auf. Die gemeinsame Identität basierte auf gleicher Sprache, Ethnie, Geschichte und Kultur. „Blood and soil“ waren die Grundlage der neuen politischen Identitäten und sind es mancher­orts bis heute. In der Annahme, dass Vertrauen und Verständnis innerhalb einer homogenen Gesellschaft einfacher herzustellen und zu erhalten sind, werden Minderheiten und Migran­tInnen als Gefahr für Stabilität und Frieden betrachtet, und die Versuchung ist groß, diese Menschen von Bürgerrechten auszuschließen (vgl. Taylor, 149). Jeder demokratische Staat hat also zuerst festzulegen, wessen Rechte er schützen möchte.

„All whom it may concern“ scheint hier der beste Ansatz zu sein: Menschen halten sich eher an Regeln und Pflichten, wenn sie Mitsprache- und Entscheidungsrecht bei deren Erstellung haben. Schnellere Erteilung der Staatsbürgerschaft für MigrantInnen binden die Menschen früher in politische Prozesse ein und lassen sie gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft werden. Kymlicka führt neben der politischen Beteiligung als weitere Ziele der multikultu­rellen Strategie der „Citizenization“ auch wirtschaftliche Chancengleichheit und soziale Akzeptanz (Kymlicka, 104) an und weist aber auch darauf hin, dass in neoliberalen Systemen die Bedeutung der Staatsbürgerschaft geringer wird (Kymlicka,  115).

Vor dem Hintergrund des Konzepts der Multiplen Identität erscheinen Mehrfachstaatsbürger­schaften eher als logische, denn abwegige Konsequenz. Nicht nur MigrantInnen können sich mehreren Gemeinschaften zugehörig fühlen: jemand kann sich als Katholik, Wiener, allein­erziehender Vater oder als Pakistani, Muslim, Österreicher definieren und je nach Situation eine andere Identität als Gemeinschaftskriterium heranziehen. Konflikte entstehen nur dann, wenn zwei Gruppen bzw. Identitäten in direkte Konfrontation geraten. Wenn man Mitglied zweier Konfliktparteien ist, wird aber der Wunsch nach Dialog und Ausgleich höher sein als die Wahrscheinlichkeit, eine Seite unter Umständen sogar mit Gewalt zu verteidigen.

„Kollektive Rechte“

Die Rechtfertigung und Ausgestaltung von kollektiven Rechten werden im multikulturellen Diskurs ausführlich behandelt. In den demokratischen Grundrechten wird festgehalten, dass die Freiheit des/der Einzelne/n dort endet, wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird. Kollektive Rechte erlauben einzelnen Mitgliedern besondere Rechte oder Ausnahmen von allgemeinen Rechten aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Minderheit. Sie werden erteilt, um sie vor Diskriminierung zu schützen und ihre speziellen religiösen, sprachlichen oder kultu­rellen Traditionen weiterführen zu können. Beispiele dafür sind bilinguale Schulen oder die Befreiung von der Helmpflicht für Sikhs.

Problematisch bei der Installierung von kollektiven Rechten sind die Erzeugung von Stereo­typen, essentialistische Festschreibungen, interne Unterdrückung und der Effekt der „Religio­nization“.

Kulturen sind keine abgeschlossenen, homogenen Einheiten, die sich eindeutig voneinander unterscheiden. Sie sind nicht statisch, sondern können und werden sich stetig verändern. Kulturelle Eigenschaften können auch nicht allen Mitgliedern einer Gruppe zugeschrieben werden. (vgl. Parekh, 50ff)

Die Erteilung eines kollektiven Rechts impliziert, dass alle Mitglieder dieses Recht in gleichem Ausmaß für sich beanspruchen. Das birgt die Gefahr, dass es von konservativen Mitgliedern als Druckmittel gegen andere verwendet wird. Es soll jedoch jeder Person frei stehen, ob es Kollektivrechte in Anspruch nimmt oder nicht – eben genauso, wie sie die freie Wahl haben soll, Teil des Kollektivs zu sein oder nicht. Es ist also immer abzuwägen, ob im Sinne des Minderheitenschutzes ein kollektives Recht zu erteilen ist oder ob es möglich ist, die Freiheit der einzelnen Gruppenmitglieder über individuelles Recht abzusichern. (vgl. Bauböck, 263f)

Als Religionization wird die Situation bezeichnet, wenn sich eine kulturelle Minderheit nur über das Argument der Religionsfreiheit aus einer ungünstigen oder benachteiligten Lage befreien kann. Es führt dazu, dass sich die Religion künstlich zu einem besonderen kulturellen Identitätsmerkmal entwickelt. (vgl. Parekh, 198)

Dieser paradoxe Effekt und andere Beispiele für die problematische Verwendung von kultu­rellen Kriterien als Grundlage für politische Maßnahmen haben Zweifel über bisherige Strate­gien des Multikulturalismus aufgebracht. Gegebenenfalls sollte geprüft werden, ob nicht all­gemeine Richtlinien denselben Zweck erfüllen. Die Etablierung von Interessensvertretungen im modernen Staat, wie zum Beispiel Arbeiter- und Wirtschaftskammern, zeigt, dass es ein­facher ist, wenn der Fokus nicht auf Identität, sondern auf Bedürfnisse und Interessen ge­richtet ist.

„Common Culture“

Vorneweg ist festzuhalten, dass die gemeinsame Kultur einer multikulturellen Gesellschaft nicht die dominante Kultur ist – es ist damit nicht gemeint, was in Deutschland als „Leit­kultur“ bezeichnet wird.

Kulturelle Diversität wurde zuerst in den Bereichen Wirtschaft, Bildungswesen und For­schung positiv bewertet. Um die „Human Resources“ optimal für den wirtschaftlichen Erfolg einsetzen zu können, wurde das Diversity Management entwickelt. Als Instrument eines demokratischen Staates ist es nicht geeignet, weil die BürgerInnen nicht von oben gemanagt, sondern Partizipation und gemeinsamer Dialog ermöglicht werden sollen. Dafür braucht es eine gemeinsame Sprache. Johann Gottfried Herder betrachtete Sprache als „repository“ der Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Hoffnungen und Ängste einer Nation. (zit.n. Parekh, 68). Wenn Sprache nun im weiteren Sinne verstanden wird, ist es ein bedeutendes Bindeglied für die multikulturelle Gesellschaft. Parekh weist ausdrücklich auf die Wichtigkeit einer gemein­samen Kultur als verbindendes Kriterium einer multikulturellen Gesellschaft hin. Derselbe Gedanke liegt dem Motto der Europäischen Union „United in Diversity“ und dem Ausdruck „E pluribus unum“, der unter anderem im Siegel der Vereinigten Staaten von Amerika ent­halten ist, zugrunde. Die gemeinsame Kultur entsteht idealerweise durch interkulturellen Dialog gleichberechtigter und respektierter VertreterInnen aller gegenwärtigen Kulturen. Sowohl im öffentlichen als auch privaten Bereich lernt man sich kennen, macht gemeinsame Erfahrungen und einigt sich auf Werte und Tugenden. (vgl. Parekh, 219ff) All das sind gute Voraussetzungen für Solidarität und zivilgesellschaftliches Engagement.

Vom Politologen und Migrationsforscher Rainer Bauböck stammt der Ansatz, dass es dem multikulturellen Zusammenleben förderlicher ist, anstatt für verschiedenen Gruppierungen jeweils eigene politische Plattformen oder Gremien aufzubauen und abzusichern, allen BürgerInnen ein gemeinsames Forum für politischen Diskurs zu geben und den diversen Gruppen zu ermöglichen, eine gemeinsame politische Kultur zu gestalten (Bauböck, 268).

„Soziale Kohäsion“

Der Begriff umschreibt den inneren Zusammenhalt und die Solidarität innerhalb einer Gesell­schaft. Die Soziologin Ellie Vasta definiert wie folgt: „(…) social cohesion can be defined as the social arrangements developed by a society for how people with different characteristics and interests can live together peacefully and productively.“ (Vasta, 197).

Solidarität bedeutet mehr als Verbundenheit mit anderen Menschen: einerseits mit denen, die nach dem einen oder anderen Kriterium so sind wie ich, und andererseits mit denen, wo eine gegenseitige Abhängigkeit besteht. Der Soziologe Émile Durkheim bezeichnete diese Formen als mechanische bzw. organische Solidarität. So gesehen müsste eigentlich in Zeiten von Globalisierung und Arbeitsteilung vielfache organische Solidarität vorhanden sein.

Der Soziologe Robert Putnam kam 2007 nach Studien in den USA zu folgendem Schluss: „in ethnically diverse neighbourhoods residents of all races tend to ‘hunker down’. Trust (even of one’s own race) is lower, altruism and community cooperation rarer, friends fewer.“ (URL4) Nachdem er 1995 publiziert hatte, dass das soziale Kapital in den USA schwindet (URL5), erlaube ich mir hier die Annahme, dass die neuere Studie ein anderes Ergebnis gebracht hätte, wenn Gemeinsinn und Engagement in der US-amerikanischen Gesellschaft in einem höheren Ausmaß vorhanden gewesen wären. Schwache zwischenmenschliche Beziehungen, fehlendes Vertrauen und geringe Kooperationsbereitschaft schaffen ein Klima für Desintegration und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Die individuellen Rechte werden heutzutage im Allgemeinen wichtiger als das Gemeinwohl gesehen. Historische und kultur- und sozialanthropologische Studien belegen, dass dies keine universelle Betrachtungsweise ist. Der moderne Individualismus hat seinen Ursprung im liberalen, aufgeklärten und freiheitsliebenden Europa und findet eine weitere Erhöhung im Neoliberalismus: „the ultimate goal of neoliberalism is not just radical individualism, but rather the creation of subjects who govern themselves in accordance with the logic of globalized capitalism“ (McNeish, zit. n. Kymlicka, 113).

Geringe soziale Kohäsion zeigt sich in mangelnder Bereitschaft, seinen individuellen Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten, wie zum Beispiel Steuerzahlungen. MigrantInnen mit Bezug zu ihrem Herkunftsland wird oftmals vorgeworfen und unterstellt, dass sie keine Zugehörigkeit zum Einwanderungsland entwickeln. Sie werden daher als Gefahr für die soziale Kohäsion betrachtet. Vasta hat in ihrer britischen Studie gezeigt, dass zum einen Rassismus und Dis­kriminierung durch Briten die Entwicklung von Solidarität und „Belonging“ der Migran­tInnen erschwert und sich zum anderen die Zugehörigkeit der neuen MitbürgerInnen eher auf den Staat und nicht die Kultur Großbritanniens bezieht. Aus demokratischer Sicht reicht „Belonging to polity“ völlig für ein friedvolles und politisch produktives Zusammenleben aus. Populistisch formuliert: das „Commitment“ gegenüber der britischen Demokratie einer kopf­tuchtragenden, steuerzahlenden Nigerianerin ist höher als einer in England Geborenen, die Steuern hinterzieht.

„Kultur und Demokratie als Prozess“

Wenn wir Kultur als Prozess betrachten, ist Multikulturalismus keine Besonderheit von kom­plexen Gesellschaften, sondern bereits auf Haushalts- oder Dorfebene auszumachen. Gender, Alter, Status erzeugen auch in einer homogenen Gesellschaft unterschiedliche kulturelle Aus­prägungen. Je nach Bildung, Familienstand und Wohnort (Stadt/Land) gelten in einem homo­genen Staat diverse Rechte, Pflichten, Privilegien und Bräuche, die als Beispiele für egalitären Multikulturalismus interpretiert werden können und immer wieder neu interpretiert und abgewandelt werden.

Kulturen sind ständigen Veränderungen unterworfen, zum einen durch die eigenen Mit­glieder: „Loyalty to a culture also involves a duty to explore, deepen, enrich its resources and remove its defects.“ (Parekh, 160), zum anderen durch Einflüsse von außen. (vgl. Parekh, 163ff)

Als unsere Demokratien entstanden, hatten Frauen kein Wahlrecht. Die ursprüngliche Rechtslage wurde geändert, weil die Einstellungen, Werte und Handlungen der Menschen sich geändert haben. Ein Festhalten an Gesetzen, die durch die ständige Veränderung von Gesellschaft und Kultur längst überholt sind, behindert und diskriminiert Menschen. Eine lebendige Demokratie gestattet ein wiederholtes Ausverhandeln von Beziehungen, damit nachkommende Generationen und zuwandernde MigrantInnen ihre Bedürfnisse und Wünsche einbringen können. Dazu passt ein Zitat der politischen Philosophin Hannah Arendt: „Politik entsteht in dem Zwischen-den-Menschen, also durchaus außerhalb des Menschen. Es gibt daher keine eigentlich politische Substanz. Politik entsteht im Zwischen und etabliert sich als der Bezug.“ (Arendt, 11)

Demokratische Herausforderungen

Mögen die oben angeführten Konzepte Anregungen für demokratische Strukturen und Prozesse bringen, so werden die moralischen Grundsätze hinter der Vorstellung des Guten Lebens und die Demokratie an sich in der politischen Diskussion in Demokratien meistens nicht hinterfragt.

Im Vergleich scheint die oben angeführte prozedurale Struktur als die für einen multikultu­rellen Staat am besten geeignete zu sein. Doch sie bietet keinen Platz dafür, die moralische Grundsätze und die Vorstellung vom Guten Leben politisch auszuverhandeln. Die Bewertung, ob ein Lebensstil gut ist, unterliegt einer moralischen Instanz, die wiederum kulturell bedingt ist. (vgl. Parekh, 16ff) Selbst eine liberale Gesellschaft misst Kulturen vom liberalen Stand­punkt aus und hat kein Verständnis und keine Wertschätzung für Lebensweisen, die nicht dem liberalen Prinzip entsprechen. (vgl. Parekh, 80ff) Moralische Werte, die ohne Debatte über­nommen werden, sind die der dominanten Kultur, zu denen auch die international anerkann­ten Menschenrechte zählen.

In der Kultur- und Sozialanthropologie werden auch die Allgemeinen Menschenrechte zur Diskussion gestellt und genauso wie moderne Demokratie darauf hin untersucht, wie und wie sehr sie kultureller Ausdruck sind.

Aktuell und in Zukunft stellen das vom Sozialanthropologen Steven Vertovec als Super-Diversity benannte Phänomen von komplexem Multikulturalismus und vielfältiger Migration, weiters die Auswirkungen des Neoliberalismus und Turbo-Kapitalismus, wachsende Flücht­lingsströme im Zuge von Globalisierung und kriegerischen Auseinandersetzungen sowie Umweltprobleme und Energie- und Ressourcenknappheit die nächsten großen Herausforde­rungen für moderne und multikulturelle Demokratien dar.

Conclusio

Auf den vorigen Seiten bin ich der Frage nachgegangen, welche sozial- und kulturanthropo­logischen Konzepte und Erkenntnisse des Multikulturalismus für den polit-theoretischen Dis­kurs über eine multikulturelle Demokratie herangezogen werden können und fasse meine Überlegungen kurz zusammen:

Eine multikulturelle Demokratie braucht Klarheit, wessen Rechte sie schützt („Citizenship“) und ob sie Minderheiten mit „Kollektiven Rechten“ in besonderem Ausmaß schützen möchte. Die kultur- und sozialanthropologische Behandlung von kollektiven Rechten und das Konzept der Identität können dazu beitragen, den gewichtigen Unterschied zwischen gruppen-interner Unterdrückung und externem Schutz herauszufinden.

Die Entwicklung einer „Common Culture“ trägt zur politischen Identität der BürgerInnen bei und schafft ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl aller Menschen im Staat und schafft einen Ausgleich zwischen Mehrheitskultur und Minderheitenkulturen. Dieses Gefühl des „Belonging“ verstärkt die „Soziale Kohäsion“ und das Soziale Kapital des Staates. Zu diesen Themen kann die Kultur- und Sozialanthropologie außer theoretischen Konzepten auch Forschungsergebnisse liefern.

Wenn das Verständnis von „Kultur als Prozess“ auf Demokratieebene angewandt wird, erweitert sich der Handlungsspielraum und eröffnet Raum für einen kreativen und lebendigen Diskurs über Rechte und Pflichten von BürgerInnen. Dieses kultur- und sozialanthropo­logische Konzept kann positiven Beitrag zum multikulturellen Staat liefern. Die Betrachtung von Demokratie als ständiger Prozess entstaubt sie von überholten Exklusionen, richtet den Fokus von rigiden Strukturen auf aktuelle Bedürfnisse der BürgerInnen.

Ich schließe diese Arbeit mit Parekhs Vorschlag für Bedingungen für einen multikulturellen Staat: „a consensually grounded structure of authority, a collectively acceptable set of constitutional rights, a just and impartial state, a multiculturally constituted common culture and multicultural education, and a plural and inclusive view of national identity.“ (Parekh, 236)

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Quellen

ARENDT; Hannah. 1995. Was ist Politik? München: Piper Verlag.

BAUBÖCK, Rainer. 2011. „Beyond culturalism and statism: liberal responses to diversity“ in Gerd Baumann und Steven Vertovec (Hg.): Multiculturalism. Critical Concepts in Sociology. Volume IV. Crises and Transformations: Challenges and Futures. Abingdon und New York: Routledge. 243-278.

KYMLICKA, Will. 2013. „Neoliberal Multiculturalism?“ in: Peter A. Hall and Michèle Lamont (Hg.): Social Resilience in the Neoliberal Era. Cambridge: Cambridge University Press. 99-125.

LEGGEWIE, Claus. 2011. Multikulti. Spielregeln für die Vielvölkerrepublik. Salzhemmen­dorf: blumenkamp verlag.

PAREKH, Bhikhu. 2000. Rethinking Multiculturalism. Cultural Diversity and Political Theory. Houndsmill and London: Macmillan Press Ltd.

PODUNAVAC, Milan. 2012. „What is Good about Multiculturalism?“ in Milan Podunavac (Hg.): Challenges Of Multiculturalism. Belgrad: Heinrich Böll Foundation, Regional Office for Southeastern Europe. 11-20.

TAYLOR, Charles. 1999. „Democratic Exclusion (and its Remedies?)“ in Rajeev Bhargava, Amiya Kumar Bagchi, R. Sudarshan (HG.): Multiculturalism, Liberalism and Democracy. New Delhi: Oxford University Press. 138-163.

VASTA, Ellie. 2013. „Do We Need Social Cohesion in the 21st Century? Multiple Languages of Belonging in the Metropolis“ in: Journal of Intercultural Studies, Volume 34, Issue 2. Routledge. 196-213.

Internet:

URL1: Rede Angela Merkels am 16.10.2010 in Potsdam beim Deutschlandtag der Jungen Union
https://www.youtube.com/watch?v=WaEg8aM4fcc (abgerufen am 27.08.2014)

URL2: Stanford Encyclopedia of Philosophy 2010
http://plato.stanford.edu/entries/multiculturalism/#PolBacAgaMul (abgerufen am 27.08.2014)

URL3: Library of Parliament
http://www.parl.gc.ca/Content/LOP/ResearchPublications/2009-20-e.pdf (abgerufen am 27.08.2014)

URL4: PUTNAM, Robert D. 2007. „E Pluribus Unum: Diversity and Community in the Twenty-first Century. The 2006 Johan Skytte Prize Lecture“ in: Scandinavian Political Studies, Vol. 30 – No. 2, 137-174
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1467-9477.2007.00176.x/ (abgerufen am 27.08.2014)

URL5: PUTNAM, Robert D. 2007. Bowling Alone. America’s Declining Social Capital.
http://xroads.virginia.edu/~HYPER/DETOC/assoc/bowling.html (abgerufen am 27.08.2014)